Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Harlingerland | Patrozinium: – | KO: Ostfriesische KO von 1716

Orts- und Kirchengeschichte

Der Ort Carolinensiel (seit 1972 zur Stadt Wittmund) wurde 1730 auf Veranlassung des ostfriesischen Fs. Georg Albrecht gegründet und nach dessen Ehefrau Sophie Caroline von Brandenburg-Kulmbach benannt. Die Einwohner der Ansiedlung besuchten anfangs die Kirchen in Funnix und Berdum. Durch fürstliches Dekret vom 8. Juli 1732 wurden die Bewohner von Carolinengrode und dem Siehl der Gemeinde Funnix eingepfarrt. Der Funnixer P. hielt seither auch GD auf dem Fürstinnengrashaus in Carolinensiel. Eine Eingabe der „Schiffer, Everleute und Eingesessenen“ zum Bau einer eigenen Kirche (1740) blieb erfolglos. Unter preußischer Herrschaft wurde mit der Eindeichung des Friedrichs-Groden (1765) die Besiedlung ausgeweitet. Der damit verbundene Bevölkerungszuwachs führte – gegen das Votum der P. von Berdum und Funnix – zu einer erneuten Eingabe an die Regierung. 1770 bewilligte Friedrich der Große die Mittel für die Anstellung eines Predigers. 1771 fand die Wahl der ersten Kirchenvorsteher statt. 1776 erfolgte die Bildung der KG. Das KGb wurde 1775/76 unter der Leitung des Landbaumeisters Richter errichtet und am 20. Oktober 1776 eingeweiht. Sie gilt als weltweit einzige auf einem Deich errichtete Kirche. Am Tag der Einweihung wurde auch der erste Prediger, Heinrich Matthias Ortgiesen, bisher Konrektor an der Lateinschule in Aurich, eingeführt. Erst 1780 wurde auf dem Deich westlich des Friedhofs die Pastorei errichtet. Der Kaufmann Johannes Becker aus Neufunnixsiel finanzierte 1793 den separat stehenden Glockenstuhl. Die für den Bau eines Kirchturms gesammelten Gelder gingen in der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg verloren.
Im Zuge der Erweiterung des Friedhofs (1900) wurde das alte Pfarrhaus abgebrochen. Als neuen Sitz der Pastorei kaufte die KG die Brabbersche Besitzung am Tief an (heute als Alte Pastorei bezeichnet). Ein neues Pfarrhaus wurde 1937 errichtet. Der ab 1933 amtierende P. Renko Tammen war seit 1937 Mitglied der BK, die in Carolinensiel trotz kirchenfeindlicher Tendenzen am Ort und Auseinandersetzungen mit der NSDAP starken Zulauf hatte. Um 1937 wurde die ev. Bekenntnisschule stillschweigend in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt.
Die Entwicklung zum Küstenbadeort, besonders im Ortsteil Harlesiel, stellte bereits seit den 1950er Jahren neue Herausforderungen an die kirchliche Arbeit. 1982 wurde der Kurpredigerdienst eingeführt und bei der Erweiterung des 1960 errichteten Gemeindehauses 1988/89 eine eigene Kurpredigerwohnung eingerichtet.
Seit 1. August 2005 besteht eine pfarramtliche Verbindung mit der KG Funnix.1

Umfang

Das Dorf Carolinensiel und die Höfe Carolinengrode, Carolinenland, Großer und Kleiner Charlottengroden, Friedrichsgrode, Friedrichsschleuse, Fürstinnen-Grashaus, Hespenhausen, Horstenau, Kleehof, Oldenlohe, Seeburg, Schweringsgrode und Tannenwerth.

Aufsichtsbezirk

Mit Errichtung der KG zur 8. luth. Insp. in Ostfriesland. Vor 1819 zur 9. luth. Insp. in Ostfriesland mit Sitz in Wittmund (ab 1924 KK Wittmund, 1. Januar 1974 mit dem KK Esens zum KK Harlingerland vereinigt).

Patronat

Der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Rechteckiger Backsteinsaalbau zu vier Achsen (1775/76), innen von einer Brettertonne überwölbt. 1964 grundlegend renoviert. 1997/98 Umgestaltung des Eingangsbereichs mit neuer Sakristei.

Turm

Freistehender Glockenstuhl aus Backstein (1793). Bekrönung durch Kugel und Schwan.2

Ausstattung

Barocker Kanzelaltar, Kniebänke, Westempore und Priechen aus der Erbauungszeit (1776). – Quadratische, nach unten konisch zulaufende Sandsteintaufe mit Bronzeschale (1972). – Lutherbild (1907). – Gedenktafeln für die Gefallenen der Befreiungskriege (1814-16), des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71), des Kolonialkriegs in Deutsch-Südwestafrika und der beiden Weltkriege. – Drei Votivschiffe: die zweimastige Brigg Venus (1776), eine dreimastige Fregatte (1921, durch die Kapitänstochter Altje Mehrings der Kirche vermacht, 1971 Diebstahlverlust, 1973 Beschaffung eines Ersatzmodells) sowie die Bark Marie Emilie (1985).

Orgel

Auf der Westempore. Erbaut 1780/81 durch Hinrich Just Müller (Wittmund) nach Disposition des Organisten Michael Johann Friedrich Wiedeburg (Norden), 11 II/aP (HW, BW), mechanische Traktur, Schleifladen; eingeweiht 12. Mai 1782. Die Orgel war eine Stiftung des Otto Hinrich Hook, Kommandeur auf der der Niederländisch Ostindischen Kompagnie gehörigen Insel Edam. 1848 Instandsetzung durch Arnolf Rohlfs (Esens). Später teilweiser Umbau durch Johann Diepenbrock (Norden). 1939 Einbau eines elektrischen Gebläses. 1950 Umbau durch Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven). Zur 200-Jahr-Feier der Kirche (1975/76) wurde die Orgel durch die Firma Hermann Hillebrand (Altwarmbüchen) teilweise restauriert und rekonstruiert. Erneute Renovierung bis 2005 durch die Orgelbauwerkstatt Heiko Lorenz (Wilhelmshaven). Seit 1952 unter Denkmalschutz.3

Geläut

Zwei LG, I: fis’ (Bronze, Gj. 1982, Firma Bachert, Karlsruhe); II: a’ (Bronze, Gj. 1947, F. Otto, Bremen-Hemelingen; ursprünglich 1786 durch die Glockengießer Claudius und Mammaeus Fremy gegossen, 1834 und 1947 umgegossen. – Früherer Bestand: Eine LG in fis’ (Eisenhartguss, Gj. 1949, J. F. Weule, Bockenem), 1982 ersetzt.

Friedhof

Unmittelbar westlich der Kirche. Eigentum der KG. FKap (Bj. 1935).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 933 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 1393-1394 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 12 d (GSuptur. Aurich); B 18 Nr. 255 (Orgelsachverständiger); D 57 (EphA Wittmund); L 5 i Nr. 99, 292-293 (LSup. Aurich); S 1 H III Nr. 1019 (Kirchenkampfdokumentation).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 340; Kaufmann, Orgeln Ostfrieslands, S. 87 f.; Müller-Jürgens, Vasa sacra, S. 52.
B: Ev.-luth. Kirchengemeinde Carolinensiel. 200 Jahre. 1776-1976, [Carolinensiel 1976]; H. van Dieken: 150 Jahre KG Carolinensiel, Wittmund 1926; Ehnt Ulfers Janssen: Carolinensiel. Das Buch, [Wittmund] 2005, bes. S. 35-40.


Fußnoten

  1. KABl. 2005, S. 194.
  2. Lübben, Wetterschwäne, S. 26.
  3. LkAH, B 1 A, Nr. 4587 (Verzeichnis der Denkmalsorgeln der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Stand 01.10.1958).