Sprengel Osnabrück, KK Melle-Georgsmarienhütte | Patrozinium: Martin | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte

Seit 1972 Stadtteil von Melle. – Der 1209 als villa Bure erstmals genannte1 Ort stand unter der Herrschaft der Fbf. von Osnabrück (Amt Grönenberg). – Aufgrund einer Inschrift an der Mitte des 19. Jh. abgebrochenen Kirche wird die Grundsteinlegung auf das Jahr 1111 datiert. Ein hölzerner Vorgängerbau entstand wohl schon um die Jahrtausendwende. Vermutlich war Buer zunächst Filial/Kapelle des Ksp. Melle und wurde erst später verselbständigt. Als Prediger erscheint 1258 Helmicus plebanus de Bure als Urkundenzeuge.2 Die Reformation wurde der Überlieferung nach durch Samson Snethlage eingeführt (erwähnt 1537/50), mit dem die gesamte Gemeinde mit Ausnahme der Besitzer von Huntemühlen zur luth. Lehre übertrat. 1581 war Peter Hake P. in Buer. Sein 1589 erwähnter Nachfolger Petrus Bruning ließ mit Genehmigung des luth. Bf. Philipp Sigismund von Braunschweig-Wolfenbüttel 1610 seinem noch unmündigen Sohn Albert Bruning das Pfarramt übertragen. Bis er 1621 das vorschriftmäßige Alter erreichte, wurde die Pfarrstelle, zuletzt mit einem Gehilfen, durch den Vater versehen.3 Im Zuge der unter Bf. Franz Wilhelm von Wartenberg eingeleiteten Gegenreformation wurde Bruning 1625 mit seinem Sazellan Johannes Mylius vertrieben.4 Er konnte nach der schwedischen Besetzung des Bm. 1633 zurückkehren und starb wohl 1636. Gemäß Art. 21 der Capitulatio perpetua blieb die KG 1650 luth.

Kirche, Blick zum Altar, 1980

Kirche, Blick zum Altar, 1980

Das KGb erwies sich schon im 18. Jh. als zu klein für die zwölf Bauernschaften umfassende Parochie. Die Einwohnerzahl in der gesamten Vogtei Buer belief sich 1772 auf 3.784. Für das Ksp. Buer stieg sie bis 1842 auf 5.892 an. Pläne für eine Erweiterung der Kirche wurden angesichts des schadhaften Zustands des noch aus dem Mittelalter stammenden Baus verworfen. Für einen Neubau konstituierte sich 1836 eine Kirchenbaukommission. 1852/55 wurde das jetzige KGb errichtet (Einweihung am 31. Oktober 1855). Während der Bauzeit fanden die GD in einer Behelfskirche auf dem Wellmannschen Hof statt.
Die erste Pfarrstelle bekleidete zur Zeit der Einweihung Sup. August Friedrich Otto Münchmeyer (amt. 1855–1881). Unter ihm erhielt die Gemeinde auch ein neues Superintendenturgebäude (Pfarre I, 1861 nach Brandzerstörung des alten Pfarrhofs) und 1873 ein zweites Pfarrhaus. Münchmeyer, zugleich Mitglied des Osnabrücker Konsistoriums, galt als bekenntnistreuer Lutheraner. Er förderte die Mission (1860 Predigt von Louis Harms in der Kirche zu Buer), stand der Erweckungsbewegung nahe und wandte sich gegen Liberalisierungstendenzen innerhalb der Osnabrücker Kirche sowie gegen die Bestrebungen der Inneren Mission.5 Über seinen eigenen Sprengel hinaus wirkte er auch als Mitglied der Kommission für die Erarbeitung des neuen, 1862 eingeführten Landeskatechismus. 1870 veröffentlichte er eine Auslegung der Offenbarung St. Johannis.6 Sein Nachfolger als erster P. und Sup. der Insp. Buer, P. Johann Dietrich Friedrich Lauenstein (amt. 1882–1905), war gleichfalls ein Förderer der Erweckungsbewegung. In seiner Zeit übernahm die KG vermehrt sozialdiakonische Aufgaben, etwa durch die Einrichtung einer Schwesternstation (1896) und eines KiGa (1898, einer der ältesten der hannoverschen Landeskirche). Beide wurden mit Unterstützung des für soziale Fragen aufgeschlossenen Unternehmers Fritz Kamping eingerichtet. Nach ihm ist auch das 1903 erbaute Fritz-Kamping-Haus (Alten- und Pflegeheim, 1969/72 und 1999 erweitert) benannt, dass der KG angegliedert ist und von einer gemeinnützigen GmbH betrieben wird.
1953 erhielt die Gemeinde ein Gemeindehaus. Für den südlichen Bereich des Ksp. wurde 1963 in Düingsdorf nach Plänen von Werner Johannsen BDA ein weiteres Gemeindezentrum (Lutherhaus) errichtet, das 2012 wieder verkauft wurde und jetzt Sitz der Freien Evangelischen Gemeinde Melle-Bruchmühlen ist.

Pfarrstellen

I: Vorref. (bis 1973 Superintendenturpfarrstelle). – II: Vorref. (ehemalig Kaplanei bzw. Sazellanei), 1. November 2000 in eine Pfarrstelle mit eingeschränktem Dienst umgewandelt.

Umfang

Das Dorf Buer, die Bauerschaften Barkhausen, Bulsten, Düingdorf, Eicken, Holzhausen, Hustädte, Markendorf, Meesdorf, Seelingdorf, Tittingdorf, Wehringdorf und Wetter; die Landgüter Huntemühle, Ostenwalde und Tessenbrok.

Aufsichtsbezirk

Archidiakon war der Propst des Kapitels zu St. Johann in Osnabrück. – Buer unterstand vor der Einführung der Insp.-Einteilung im Fsm. Osnabrück der Aufsicht des Amts Grönenberg. 1821 kam es zur 1. Insp. (mit Sitz in Dissen), 1822 zur 2. Insp. des Fsm. Osnabrück. Ab 1825 war es dauerhaft deren Suptur.-Sitz (ab 1924 KK Buer, mit der Verlegung nach Melle am 1. Oktober 1973 umbenannt in KK Melle7, seit 1. Januar 2013 KK Melle-Georgsmarienhütte).

Patronat

Das Kollationsrecht für die erste Pfarrstelle lag beim Bf. von Osnabrück (der Landesherr, bis 1871). Für die zweite Pfarrstelle (Sazellanat) teilten sich das Patronat die Besitzer der Güter Ostenwalde (seit etwa 1343 die Frhr. von Vincke) und Huntemühlen (gegründet in der zweiten Hälfte des 15. Jh. mit der Vereinigung mehrerer Einzelhöfe durch die Herren von Ennigloh, später im Besitz der von Spiegel und von Westphal). Als Mitglieder des Kirchenrats in Buer führten sie den nur hier belegten Titel Obergildemeister. Während die von Vincke mit der Gemeinde zum luth. Bekenntnis wechselten, blieben die Besitzer von Huntemühlen kath. Durch häufigen Besitzwechsel und eine Teilung des Guts Huntemühlen im 16. Jh. lag der Einfluss auf die Pfarre hauptsächlich bei den von Vincke. Bei einem Streit um die Pfarrstellenbesetzung wurde 1806 das Kollationsrecht für die zweite Pfarrstelle dem Burgherrn und der Gemeinde ohne Mitwirkung des ersten P. zugestanden.8 Faktisch blieb es jedoch bei der Besetzung durch die Burgherren. Infolge der Aufsiedlung des Guts ist das Patronatsrecht von Huntemühlen 1888 erloschen. Das Patronatsrecht für das Gut Ostenwalde ruhte mit Austritt des Gutsbesitzers Frhr. von Vincke aus der Kirche 1936, wurde auch nach dessen Wiedereintritt nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder wahrgenommen und ist durch förmlichen Verzicht des Frhr. von Vincke, Gf. von Perponcher 1981 erloschen.9

Kirchenbau

Hoher, dreischiffiger, neuromanischer Bruchsteinsaalbau mit zweigeschossig angeordneten, rundbogigen Sprossenfenstern, errichtet nach Plänen des Osnabrücker Stadtbaumeisters W. Richard (1852/55). Für das Mauerwerk wurde überwiegend Sandstein aus der Umgebung (Steinbrüche am Düingsberg und am Moseler Berg) verwendet. Im Osten ein eingezogener polygonaler Chor. Filialtürmchen auf den Ecken des Schiffs. Der flachgedeckte Innenraum ist durch hohe Emporen an der Nord- und Südseite in drei Schiffe unterteilt. Renovierungen 1905, 1955 und 1981. Über dem Bogen der Chornische wurde 1905 ein Himmelfahrtsgemälde von E. Jordan (Hannover) angebracht. Im Zuge der Renovierung von 1955 wurde der gesamte Kirchenraum in schlichtem Weiß überstrichen. 1981 entschied sich die Gemeinde für eine Wiederherstellung des Zustandes der Erbauungszeit und die Rekonstruktion der ornamentalen Malerei. Das Chorgewölbe ist mit einem blauen Sternenhimmel ausgemalt.

Fenster

Im Chor Buntglasfenster der Firma Henning & Andres (Hannover) nach Entwurf von E. Jordan (1905). Dargestellt sind in der Mitte Adam und Eva (Sündenfall) und zu den beiden Seiten die vier Evangelisten.

Turm

Westturm mit kupferverkleideter oktogonaler Spitze. Die Turmuhr der Firma E. Korfhage war 1887 als Ausstellungsstück für die Weltausstellung in Amsterdam angefertigt worden und kam später nach Buer.

Grablege

In der alten Kirche (vor 1852) befanden sich die Erbbegräbnisse der Besitzer der Güter Ostenwalde und Huntemühlen.

Ausstattung

Altar, Sandsteintaufe, neue Kanzel und Orgelprospekt aus der Erbauungszeit der Kirche. Altargemälde (Auferstehung) des Malers August von Kreling, Osnabrück (1856). Die auf sieben Meter Höhe angebrachte Kanzel ist die höchste in der hannoverschen Landeskirche. An der linken Seite des Chorraums wurde zusätzlich die von einem niederländischen Künstler geschaffene barocke Kanzel (dat. 1721) aus der Vorgängerkirche aufgestellt. – Im Triumphbogen ein Triumphkreuz des Osnabrücker Meisters (um 1513/15). – Zwei Skulpturen der Maria und des Johannes aus der alten Kirche befinden sich jetzt im Landesmuseum in Hannover.

Orgel

Ein Küster und Organist in Buer wird 1598 erstmals erwähnt. Die Orgel in der alten Kirche stand auf einer Empore im Altarraum. 1855/56 Neubau durch Johann Anton Rohlfing (Osnabrück), mit klassizistischem Prospekt auf der Westempore der neuen Kirche, 25 II/P, mechanische Traktur. Schleiflade. 1917 Abgabe der Prospektpfeifen. 1931 Neubau durch Gebrüder Rohlfing (Osnabrück) nach Disposition von Christhard Mahrenholz, 36 III/P, pneumatische Traktur, Taschenladen. 1982 Neubau mit neobarocker Disposition durch Firma Steinmann (Vlotho), 26 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 2003 Neubau eines romantischen Werks durch Martin ter Haseborg (Uplengen), 27 III/P, mechanische Traktur, Schleifladen.10 Der Prospekt von Rohlfing (1855) steht unter Denkmalschutz.11

Geläut

Vier LG, I: es’; II: ges’; III: as’; IV: b’ (alle Sonderbronze, Gj. 1948, Gebrüder Rincker, Sinn). Der Austausch des Geläuts ist geplant (Stand: 2/2016) – Früherer Bestand: Die alte Kirche verfügte über ein dreiteiliges Geläut, dessen größte LG (Gj. 1577) nach dem Holländischen Krieg der Gemeinde durch einen aus Buer stammenden Offizier übergeben wurde. Die mittlere LG war auf das Jahr 1631 datiert, über die kleinste liegen keine Angaben vor. Beim Neubau der Kirche wurden die drei Glocken wohl umgegossen.12 Die beiden größeren Glocken wurden im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgeliefert. 1924 erhielt die Kirche ein neues Geläut der Gießerei Gebrüder Rincker (Sinn) mit den Schlagtönen e’, fis’ und gis’. 1942 mussten erneut die beiden größeren Glocken abgegeben werden. – Die Kirche hatte früher auch zwei SG, I: f’’ (Eisen); II: as’’ (Eisen). Verbleib unbekannt. – Zwei weitere LG im Lutherhaus Düingdorf, I: f’’; II: as’’ (Bronze, Gj. 1968).

Friedhof

Ursprünglich bei der Kirche. 1818 Neuanlage an der Barkhausener Straße (Alter Friedhof). Neuer Friedhof an der östlichen Ortsausfahrt (Stüvestraße). Beide in Trägerschaft der KG.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 3 Nr. 84–110 (Kons. Osnabrück, Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 111 und 126 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 1261–1270 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2795 (Visitationen); D 41 (EphA Melle).

Literatur

A: Weichsler, Hdb. Sprengel Osnabrück, S. 197 f.
B: 100 Jahre Martini-Kindergarten, Festschrift, hrsg. vom Kirchenvorstand der Ev.-luth. Kirchengemeinde Buer, [Buer 1998]; 100 Jahre Posaunenchor Buer, Festschrift, hrsg. vom Posaunenchor Buer, [Buer 1999]; Festschrift zur Jahrhundertfeier der Evang-luth. Kirche zu Buer im Osnabrücker Land am 30. Oktober 1955, hrsg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Buer-Mitte, Melle 1955; Unsere Martinikirche. 150 Jahre. 1855–2005 (= Gemeindeblatt: Sonderheft zum Jubiläum) [Melle-Buer 2005]; Johann Friedrich Wilhelm Bernhard Fargel: Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum der Kirche in Buer (1855–1905), Melle [1905]; Ludwig Hoffmeyer: Festschrift zum 75jährigen Jubiläum der ev.-luth. Kirche zu Buer, o. O. 1930; Reinhold Janzik: Chronik des Kirchenkreises Buer, 3 Teile, Nienburg, 2000; Hartmut Langenberg: Die Martinikirche in Buer, in: Heimat-Jahrbuch für das Osnabrücker Land 2006, S. 145–153.


Fußnoten

  1. Osnabrücker UB II, Nr. 35.
  2. Osnabrücker UB III, Nr. 197.
  3. Bär, Protokoll Albert Lucenius, S. 254 f.
  4. Wöbking, Konfessionsstand, S. 134.
  5. Krumwiede, Gründung, S. 214.
  6. Vierteljährliche Nachrichten, 1870, S. 152.
  7. KABl. 1973, S. 149.
  8. Hoffmeyer, S. 14.
  9. LKA, G 15/Buer.
  10. Unsere Martinikirche, S. 36 und 39.
  11. LKA G 9 B/Barkhausen (Liste der denkmalgeschützten Orgelprospekte im Sprengel Osnabrück, Stand Februar 1991).
  12. Hoffmeyer, S. 17.