Frühere Gemeinde | Sprengel Lüneburg, KK Lüneburg | Patrozinium: Nikolaus | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

Der am Südrand von Bardowick an der bedeutenden Handelsstraße von Lübeck über Lüneburg und Braunschweig nach Frankfurt gelegene Nikolaihof entstand um 1200 als Leprosorium der Stadt Lüneburg unter der Oberaufsicht des Bf. von Verden (Ersterwähnung 1251). Das Nikolauspatrozinium deutet möglicherweise auf die Beteiligung der Schiffergilde an der Gründung hin. Eine Stiftungsurkunde ist nicht überliefert. Vermutlich gewann die Anstalt aus bescheidenen Anfängen erst allmählich durch Zustiftungen und Schenkungen an Bedeutung. Die Stiftung war mit einer eigenen, vielleicht schon vor 1189 zu datierenden Kapelle und einem Kirchhof versehen. Ein Geistlicher residierte dort erst ab 1306, doch fanden auch früher schon Messfeiern statt. Namentlich überliefert sind u. a.: Dietrich (Rektor an der Hospitalkapelle, 1335)1; Herr Peter (Vikar des Nikolaihospitals, 1389)2; Johann Goldwick (Vikar, † vor 19. November 1435); Johann Saffan (Vikar, Nachfolger Goldwicks)3; Johann Solsteden (Vikar, 1437)4; Reymbertus von Winthen (Vikar, 1461)5; Henning Ackerhusen (Priester und Vikar in der Kapelle des Nikolaihospitals, 1475)6; Brunoldus Kemerhoff (Priester, Vikar des Nikolaihospitals, 1509-1530 genannt)7; Bernhard Berndes (Vikar, 1530).8 Dem Hospitalgeistlichen oblag ursprünglich die Aufsicht und Leitung der gesamten Anstalt. Später wurde er zunehmend von weltlichen Amtsträgern verdrängt. Die Vermögensverwaltung wurde schon 1293 durch den Rat der Stadt Lüneburg geführt, seit mindestens 1397 nahm ein verheirateter Hofmeister die wirtschaftliche Leitung wahr. Nach dem Rückgang der Lepraerkrankungen wurde das Hospital vor Ende des 15. Jh. in eine reine Pfründnerstiftung überführt.
Die Kirche, ein einfacher Saalbau mit Sakristei und einem Anbau für die Leprakranken, wurde 1311 errichtet und im 15. Jh. mehrfach verändert. 1435 wurde sie auf Veranlassung des Ratsmanns und Provisors Heinrich Lange grundlegend erneuert. Der Vermögensbestand der Stiftung ermöglichte eine besonders reiche Ausstattung. Während sich die Einkünfte in der Gründungszeit auf die von den Hospitalboten gesammelten Almosen und die Einnahmen aus dem Opferstock beschränkten, kam das Hospital später durch Zuwendungen in den Besitz von Sülzrenten mit einer erheblichen Wertsteigerung. 1902 wurde der Kapitalbesitz an Sülzgut auf 70.714 Mark beziffert. Den wichtigsten Teil des Vermögens machte aber der Grundbesitz aus, zu dem vier Meierhöfe und ein Kötnerhof gehörten. Älteste Erwerbung war ein Hof in Ochtmissen, den das Hospital mit der zugehörigen niederen Gerichtsbarkeit, dem großen und kleinen Zehnten und allem Zubehör von dem Ritter Otto von Schwerin kaufte. 1388 wurde der „große“ Hof bei der Schleuse in Bardowick erworben. 1858 umfasste der Gebäudebestand des Stifts je ein Haus für männliche und weibliche Prövener (Pfründner), das Oberprovisorenhaus, ein Vorwerk mit Schäferei, Prediger- und Küsterhaus sowie zwei Koten, von denen eine an der Ilmenau (die Schleuse genannt) mit Krug und Branntweinbrennereigerechtigkeit ausgestattet war.9
Der Nikolaihof war eine exemte Personalgemeinde des Hospitals bzw. der Pfründenanstalt. Dem Hospitalprediger oblag nur die Seelsorge der Insassen. Taufen und Trauungen durfte er nicht vollziehen. Nach dem Tod des letzten eigenen Geistlichen, P. Heinrich Gottlieb Otto († 1811), blieb die Pfarrstelle vakant. Die Stadt Lüneburg beschloss angesichts der schlechten Finanzlage zur Verbesserung der Bezüge die Vereinigung der Predigerstellen an den städtischen Hospitälern (betroffen war neben dem Nikolaihof auch das Hospital zum Heiligen Geist in Lüneburg) mit anderen Pfarrstellen. Mit behördlicher Genehmigung wurde 1818 die Pfarrstelle des Nikolaihofs als mater vagans mit der zweiten Pfarrstelle des Doms zu Bardowick verbunden.
Die Stadt Lüneburg als Träger der Stiftung Nikolaihof nahm ab 1948 keine neuen Prövner mehr in die Stiftung auf und vermietete die Wohnungen auf dem Stiftsgelände an freie Mieter. Vor 1973 sind die beiden letzten Prövnerinnen verstorben. Damit fiel auch der frühere Charakter als Anstalts- und Personalgemeinde fort. Die Rechtsbeziehungen zwischen der Stadt als Träger der Stiftung Nikolaihof und der Domkirchengemeinde blieben allerdings bestehen. Angesichts der zunehmenden Bautätigkeit im Umfeld des Nikolaihofs werden auch weiterhin GD in der Kirche angeboten.

Aufsichtsbezirk

Propstei Bardowick der Diözese Verden. – Seit der Reformation zur Insp. Bardowick und nach deren Auflösung 1822 in Insp. Winsen, 1868 in die Insp. Lüne (1924: KK Lüneburg) umgegliedert. KK Lüneburg und KK Bleckede zum 1. Januar 2017 zum neuen KK Lüneburg zusammengelegt.10

Patronat

Die Stadt Lüneburg als Träger der Stiftung Nikolaihof. Das Präsentationsrecht wird für die Dauer der Verbindung mit der zweiten Pfarrstelle der Dom-KG durch die Stadt und die Kirchenbehörde im Wechsel ausgeübt. Verhandlungen zwischen der Stadt und der Kirchenbehörden über die Aufhebung des Patronats scheiterten um 1967/72 an der Frage der Übernahme der Baulastverpflichtungen.11 Das Patronat besteht fort.

Kirchenbau

Einschiffige, gotische Backsteinkirche von vier kreuzrippengewölbten Jochen (um 1435 erneuert; Eingangsportal noch von einem Vorgängerbau des 14. Jh.). Chor mit 5/10-Schluss. Ehemalige Frauenkapelle im Norden, Männerkapelle im Süden (zwischen 1721 und 1843 abgebrochen). 1445 erhielt die im Süden angebaute Sakristei ein zweites Geschoß für die Aufnahme der Orgel. Jetzige (Orgelempore im Westen des Schiffs. 2012 saniert.

Fenster

Im Chor Buntglasfenster mit der Kreuzigung und Gottvater mit der Taube des Heiligen Geistes (erste Hälfte 16. Jh.), des heiligen Nikolaus und einer Allegorie der Mäßigung. Wappenscheiben von Lüneburger Patriziern (um 1600).

Turm

Westturm aus Backstein mit Pyramidendach, errichtet 1422, 1677 erneuert. Das heute noch erhaltene Uhrwerk wurde 1719 in Betrieb genommen.

Ausstattung

Schlichter Blockaltar aus Ziegelmauerwerk. – Der Kanzelkorb aus dem früheren Kanzelaltar des späten 18. Jh. wurde vor 1955 auf einem neu aufgemauerten Sockel an der Nordwand des Kirchenraums aufgestellt.12

Orgel

Die Orgel stammt in Teilen aus der St.-Johannis-Kirche in Lüneburg und wurde dort 1432 eingebaut. 1439 Ankauf für die Kirche des Nikolaihofs durch Heinrich Lange. 1445 Einbau einer gotischen Orgelempore über der Sakristei. Durch Kriegseinwirkung wurde das Instrument 1657 beschädigt. Wiederaufbau 1660 durch J. Kahl/Kahle (Fallersleben). Wahrscheinlich erfolgte hierbei auch die Erweiterung um ein selbständiges Pedalwerk. Im 19. Jh. Umdisponierung nach romantischem Klangideal (Sasse, Lüneburg, 1848); 11 I/P. Zugleich wurde das Werk hinter einen neuen Prospekt auf der Westempore verlegt. Die 1922 durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover) instandgesetzte Orgel wurde 1945/46 durch polnische Fremdarbeiter zerstört und blieb zunächst unbespielbar. Einen von der Stadt Lüneburg als Eigentümer 1959 favorisierten Verkauf an das Lüneburger Museum verhinderte der Einspruch des KV und des LKA. Die Wiederherstellung erfolgte 1960/63 unter Verwendung des historischen Pfeifenmaterials durch die Hildesheimer Orgelbauwerkstatt Ernst Palandt; 10 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Disposition nach Vorgaben von KMD Alfred Hoppe, Prospekt von Dr. Wolff (Hannover). Die heutige Orgel enthält noch drei Originalregister von 1432 und gilt damit als älteste Nordeuropas. Seit 1952 unter Denkmalschutz.13

Geläut

Eine LG (Bronze, Gj. 1981, Glockengießerei Bachert). – Früherer Bestand: Eine kleinere LG in c’’’ (Bronze, Gj. 1671, Paul Voß, Lüneburg; gegossen auf Veranlassung des Bürgermeisters und Provisors Hans Grätze) wurde im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben. Eine LG (Betglocke) in es’’ (Bronze, Gj. 1468, M. Cord Vribusch, Lüneburg) befindet sich jetzt im Museum in Lüneburg.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 501 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 459-481 (Pfarrbestallungsakten).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 187; Pape, Palandt, S. 337-339; Weiß, Denkmaltopographie Lkr. Lüneburg, S. 49; Wrede, Glocken I, S. 25-29.
B: Friedrich Biebrach: Lepra vor der Stadt. Das Leprosorium St. Nicolaihof bei Lüneburg (Magisterarbeit, Universität der Bundeswehr), Hamburg 2005; Alexandra Druszynski von Boetticher: Die Leproserie St. Nikolai. Ein Beitrag zur Baugeschichte der Stadt Lüneburg im Mittelalter (= Forschungen zum Nikolaihospital in Bardowick 1), Hannover 2015; Marie Ulrike Schmidt: Regesten zum Nikolaihospital. Die Urkunden aus dem Stadtarchiv Lüneburg (1251-1530) (= Forschungen zum Nikolaihospital in Bardowick 2), Hannover 2015.


Fußnoten

  1. Schmidt, Nr. 47.
  2. Schmidt, Nr. 193.
  3. Schwarz, Papsturkunden, Nr. 1696.
  4. Schmidt, Nr. 271.
  5. Schmidt, Nr. 293.
  6. Schmidt, Nr. 308.
  7. Schmidt, Nr. 343 u. a.
  8. Schmidt, Nr. 370.
  9. Manecke, Beschreibungen I, S. 265.
  10. KABl. 2016, S. 168 f.
  11. LKA, G 15/Bardowick II-Nikolaihof.
  12. LKA, G 9 B/Bardowick, Nikolaihof (Vermerk über eine Besichtigung der Kirche in Nikolaihof, 06.09.1955).
  13. KABl. 1952, S. 160; LkAH, B 1 A, Nr. 4587 (Verzeichnis der Denkmalsorgeln der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Stand 01.10.1958).