Sprengel Hannover, KK Burgdorf | Patrozinium: Martin (seit 1961) | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

Ort im Großen Freien, zwischen 1220 und 1240 im Lehnsregister des Luthard von Meinersen genannt.1 Das Große Freie ging aus der Großen Gft. hervor, die aus dem Besitz des Gf. Konrad von Lauenrode zunächst an das Hochstift Hildesheim und Ende des 14. Jh. (nach der Schlacht von Beinum 1393) – vorläufig als hildesheimisches Lehen – unter die Herrschaft der Hzg. von Braunschweig und Lüneburg gelangte. Nach wiederholter Verpfändung fiel es 1512 endgültig an das Fsm. Lüneburg. Die tatsächliche Herrschaft konnten die Welfen erst 1523 mit dem Quedlinburger Rezess gegenüber dem Hochstift Hildesheim durchsetzen. Ahlten wurde Teil der Amtsvogtei (1852: Amt) Ilten, ab 1859 des Amts Burgdorf. Seit 1974 ist es Ortsteil von Lehrte.

Kirche, Ansicht von Südosten, 1896 (?)

Kirche, Ansicht von Südosten, 1896 (?)

Ursprünglich gehörte das Dorf zum Ksp. Kirchrode, später zu Ilten. Die Beziehung zu Kirchrode ist noch um 1350 bezeugt. Wann die Loslösung erfolgte, ist ebenso unklar, wie der Zeitpunkt der Entstehung der KapG Ahlten. Das erste, romanische KapGb stammte wohl von Anfang des 12. Jh. Sicher bestand schon Ende des 14. Jh. ein Ksp. Ilten mit den Kapellen in Ahlten, Anderten, Bilm und Höver (Sehnde). Die Kapelle in Ahlten wird 1528 in einem Güterverzeichnis der Freien vor dem Walde erwähnt.2 Die Zugehörigkeit zu Ilten ist durch das Lüneburgische Pfründenregister von 15343 und das Visitationsprotokoll von 1543 bezeugt, nach dem zum Pfründeaufkommen des Iltener Pfarrers u. a. 30 Morgen Landes „vor Althen“ gehörten.4
Über die Durchführung der Reformation liegen keine Nachrichten vor. Vermutlich wurde sie in der Amtsvogtei Ilten mit dem gesamten Fsm. Lüneburg 1527 eingeführt. Eine Visitation wurde 1543 durch den Celler Sup. Martin Ondemarck durchgeführt. Abendmahls-GD fanden in Ahlten dreimal jährlich zu Ostern, Johannis und Martini statt. Der Schullehrer (1667 im Erbregister bezeugt5) hielt wöchentlich Betstunden und Katechismuslehre ab. Die Kapelle war gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges stark heruntergekommen und wurde später erneuert. Bald nach dem Krieg wurde unter P. Joachim von Broitzem (amt. 1648-1683) auch ein Schulgebäude errichtet (Neubauten 1823 und 1868). Bis dahin war das KapGb zu Unterrichtszwecken genutzt worden. Ein Schulmeister ist im Erbregister von 1667 bezeugt.
Durch seine Nähe zum Lehrter Bahnhof, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, konnte Ahlten schon in der zweiten Hälfte des 19. Jh. ein starkes Bevölkerungswachstum verzeichnen. Die Eingliederung von Flüchtlingen führte nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal zu einer Verdoppelung der Einwohnerzahl auf rund 4.000 Menschen. Während des Krieges hatten in den Bauernhäusern häufig Hausbibelstunden stattgefunden. Mit Rücksicht auf das weitere Wachstum gab es bald nach Kriegsende Bestrebungen zur Verselbständigung der Gemeinde. Seit 1945 fanden in Ahlten monatliche Nachmittags-GD, ab 1950 zusätzlich ein zweiter GD statt. Bis zum Bau einer eigenen Kirche (1972) wurde die Kapelle auch den kath. Einwohnern für ihre GD zur Verfügung gestellt. Eine eigene seelsorgerliche Betreuung (mit Bibelstunden, GD, Abendmahlsfeiern und Taufen) durch eine Diakonisse hatten bis 1958 die Bewohner des ehemaligen Eisenbahnerbarackenlagers am Eisenbahnlängsweg (Bundesbahnheim) jenseits der Bahntrasse (überwiegend Ostflüchtlinge).
Zum 1. August 1952 wurde für die KG Ilten eine zweite Pfarrstelle mit Sitz in Ahlten errichtet und mit dem 1. Januar 1958 die KapG in eine zunächst mit Ilten noch pfarramtlich verbundene KG umgewandelt.6 Erster P. war Siegfried Bublitz († 1965), der maßgeblich auf die Trennung hinwirkte. Die zur Pfarrkirche erhobene frühere Kapelle erhielt durch Beschluss des KV 1961 den Namen „Martinskirche“. Mit dem 1. Januar 1963 wurde die pfarramtliche Verbindung zwischen Ilten und Ahlten gelöst und Ahlten endgültig verselbständigt.7 1962/63 wurde im Neubaugebiet östlich der Straße Am Wassergraben ein Pfarr- und Gemeindehaus (Haus der Einkehr) errichtet. Noch Mitte der 1960er Jahren gab es Planungen für den Neubau einer Kirche in Form eines Oktagons mit freistehendem Glockenturm. Die Umsetzung scheiterte letztlich an den fehlenden Finanzmitteln. 2002 kaufte die KG den sogenannten Edelerhof an und ließ ihn zum Gemeindezentrum (Martinshaus) umgestalten. Seit 2014 ist sie Träger der KiTa im Neubaugebiet „Im Wiesengrund“. Zum Reformationsjubiläum beteiligte sich die Kirchengemeinde 2017 an einem Kunstprojekt des KK Burgdorf und stellte einen der 15 überdimensionalen Luthernägel des Burgdorfer Künstlers Hilko Schomerus auf. Der Nagel trägt die Aufschrift „Ohne Luther wüsste ich, was ich glauben SOLL“.

Umfang

Nur Ahlten. Die in den Straßen Blumenhof und Ahltener Straße wohnenden Gemeindeglieder wurden mit dem 1. Oktober 1994 in die Matthäus-KG Lehrte umgepfarrt.8

Aufsichtsbezirk

Seit Gründung zum KK Burgdorf.

Kirchenbau

Spätmittelalterlicher/gotischer (13./14. Jh.), ursprünglich wohl verputzter, heute steinsichtiger Bruchsteinsaal mit dreiseitigem Chorschluss. Flache Holzbalkendecke. Im Innern an der Südwand Rest einer spätgotischen Wandmalerei (Fragment eines Jüngsten Gerichts; der Teufel empfängt die Vertreter der verschiedenen Stände, wohl 14. Jh.; 1951 freigelegt und restauriert). Hufeisenempore von 1721. In der gleichen Zeit oder wenig später wurden die Fenster an der Südseite vergrößert. In die Westfassade sind drei ältere Steinkreuze (eventuell Sühnekreuze) eingelassen. Renovierung der Kapelle/Kirche 1873, 1961, 1974 (innen) und 1991.

Turm

Vierseitiger Dachreiter mit Pyramidenhelm, wohl von 1737.

Grablege

Vor dem Altar wurde 1619 der Iltener Amtsvogt Stats Schlüter beigesetzt, 1663 sein Neffe und Nachfolger Hermann Tietzen. Die Kirche war auch Grablege des Kammerherrn von Bülow († 1744; Erbbegräbnis bereits um 1780 wieder verschüttet).

Ausstattung

Bei der Renovierung von 1961 wurde ein 1873 eingebauter klassizistischer Kanzelaltar beseitigt. Jetzt ein schlichter gemauerter Blockaltar mit mittelalterlicher Sandsteinmensa. Altarbild mit dem heiligen Abendmahl. – Kanzel seit 1961 freistehend vor der Nordwand. Auf den Kanzelfüllungen Brustbilder der Heiligen Philippus, Petrus, Bartholomäus, Andreas, Simon und Johannes (um 1670). – Sechseckige, farbig gefasste Sandsteintaufe mit Reliefszenen (Geburt und Taufe Christi; Christus segnet die Kinder nach Mk 10,13) sowie Bibelzitaten (1613); am Schaft weibliche Allegorien (Glaube, Liebe, Hoffnung) als Karyatiden zwischen Akanthusblättern.9 – Osterkerzenständer von Nils Dörhage (1999). – Außen: Skulptur eines überdimensionalen Nagels mit der Aufschrift „Ohne Luther wüsste ich, was ich glauben SOLL“, (Stahl, 2017, Hilko Schomerus, Burgdorf).

Orgel

Früher ein Harmonium (seit 1856, Neuanschaffung 1897). 1965 Neubau einer Kleinorgel durch Dieter Kollibay (Hildesheimer Orgelwerkstatt), 4 I/-, mechanische Traktur, Schleifladen. 2008 Anschaffung einer gebrauchten Orgel der Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen) mit sechs Registern.

Geläut

Eine LG: e’’ (Bronze, Gj. 1911, J. F. Weule, Bockenem); wurde während des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmt, kehrte aber zurück. – Eine SG in h’’ (Bronze, Gj. 1897, J. F. Weule, Bockenem). – Eine LG im Glockenträger auf dem Friedhof: a’’ (Bronze, Gj. 2004, Glockengießerei Perner, Passau). – Früherer Bestand: Die älteste Glocke der Gemeinde stammte aus dem Jahr 1563, ist 1909 gesprungen und wurde 1911 zur heutigen LG umgegossen.

Friedhof

Beisetzungen ursprünglich auf dem Friedhof der Muttergemeinde Ilten. Während des Dreißigjährigen Krieges fanden Bestattungen zeitweilig auch an der Kapelle in Ahlten statt. Die KG legte 1962 am Kolshorner Weg (jetzt „Am Rehwinkel“) einen neuen Friedhof an, der zunächst an die politische Gemeinde Ahlden verpachtet und 1977 an die Stadt Lehrte verkauft wurde. FKap (Bj. 1966), mit freistehendem Glockenträger aus Edelstahl (2004).

Landeskirchliches Archiv Hannover

D 52 (EphA Burgdorf).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 114; Krumm, Denkmaltopographie Region Hannover, S. 294 f.; Pape, Palandt, S. 383; Wolff, KD Kr. Burgdorf und Fallingbostel, S. 6 f.
B: Ev.-luth. Martinskirchengemeinde (Hg.): Chronik des kirchlichen Lebens in Ahlten, Ahlten 1983; Albert Diedrich: Die Kapelle, die heutige Martinskirche des Dorfes Ahlten, o. O. o. J.; Hans-Dieter Lucas: Soweit der Himmel ist. 50 Jahre Martinskirchengemeinde Ahlten in Geschichten, Bildern und Dokumenten, [Ahlten 2008].


Fußnoten

  1. Sudendorf, UB I, Nr. 10.
  2. Werner, Register Amtsvogtei Ilten, S. 27.
  3. Salfeld, Pfründenregister, S. 102.
  4. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 484.
  5. Werner, Register Amtsvogtei Ilten, S. 431.
  6. KABl. 1952, S. 102; KABl. 1957, S. 181.
  7. KABl. 1963, S. 8.
  8. KABl. 1994, S. 155.
  9. Mathies, Taufbecken, S. 111 f.