Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Peine | Patrozinium: Liebfrauen | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Die erste schriftliche Erwähnung des Ortes findet sich als Waltthorp1 in einem undatierten Güterverzeichnis des Stifts St. Cyriacus in Braunschweig, das um 1196/97 entstand. Woltorf war später ein Dorf zweier Herren: des Hzg. von Braunschweig-Lüneburg und des Bf. von Hildesheim. Einige Höfe des Dorfes gehörten zum braunschweigischen Halbgericht (Landvogtei Bettmar), die anderen zum hildesheimischen Halbgericht (Amt Peine). In beiden Halbgerichten hatten Bf. und Hzg. die Gerichtsbarkeit gemeinsam inne.2 Im frühen 15. Jh. mussten die Bauern des Dorfes abwechselnd dem Amt Wolfenbüttel und dem Amt Peine Dienste leisten.3 Eine klare Grenzlinie zwischen dem braunschweigischen und dem hildesheimischen Teil existierte nicht, vielmehr lagen die jeweiligen Höfe und Gebiete recht durcheinander.4 Nach den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses kam der hildesheimische Teil des Dorfes zusammen mit den übrigen Gebieten des Hochstifts 1803 an Preußen. Nach der Niederlage gegen Napoleon gehörte der gesamte Ort von 1807 bis 1813 zum Landkanton Peine im Distrikt Braunschweig des Departements Oker im Kgr. Westphalen. Später kam es wieder zur Teilung: Die braunschweigischen Gebiete gehörten bis 1825 zum Kreisgericht Bettmar und dann zum Amt Vechelde, das 1850 im Landkreis Braunschweig aufging; der hildesheimische Teil kam wieder zum Amt Peine, zunächst im Kgr. Hannover und nach der Annexion von 1866 im Kgr. Preußen. 1885 wurde er Teil des neugegründeten Lkr. Peine. 1941 kam es schließlich zum verwaltungsmäßigen Zusammenschluss beider Ortsteile und Woltorf gehörte als Ganzes zum Lkr. Peine. 1974 wurde der Ort in die Stadt Peine eingemeindet. Die Haufensiedlung Woltorf lag an einer Nebenroute der mittelalterlichen Straße von Peine nach Braunschweig. 1664 hatte der hildesheimische Teil 150 Einwohner, der braunschweigische 70, 1858 lagen die Zahlen bei 475 und 202 und 1905 bei 559 und 268. 1946 hatte Woltorf gut 1.870 Einwohner und 2017 knapp 2.000.

Kirche, Ansicht von Südwesten, vielleicht 1973

Kirche, Ansicht von Südwesten, vielleicht 1973

Der erste namentliche bekannte Geistliche des Dorfes ist der 1330 in der Zeugenliste einer Urkunde erwähnte Bernardus plebanus in Woltdorpe.5 In der Kirche finden sich allerdings noch zwei ältere Zeugnisse der dörflichen Kirchengeschichte: der Taufstein von 1305 (der auch das Ortswappen ziert) und die Glocke von 1326. Der Turm der Kirche ist möglicherweise noch älter und könnte aus dem 13. Jh. stammen. In Folge der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) musste Bf. Johannes IV. das Amt Peine 1526 an die Stadt Hildesheim verpfänden. Als der Schmalkaldische Bund 1542 den braunschweigischen Hzg. Heinrich den Jüngeren verdrängt hatte und der Rat der Stadt Hildesheim unter dem Schutz des Bundes das prot. Bekenntnis annahm, wurde damit auch Woltorf luth. Zu dieser Zeit war P. Petrus Niemann (amt. 1538, 1540, 1542, 1544) Pfarrer des Dorfes, er erschien jedoch nicht bei der braunschweigischen Visitation im Herbst 1542, da er krank war. Zudem heißt es schon 1540 „Her Peter ist peinsch“ und dementsprechend, da der Pfarrer zum Amt Peine gehörte, wird er in der späteren braunschweigischen Visitation von 1568 nicht erwähnt.6 Von 1556 bis 1603 waren Amt und Stadt P. im Pfandbesitz des Hzg. Adolf von Schleswig, der 1561 eine Kirchenordnunge in baiden gerichten, Steurwoldt und Peine erließ.7 1603 gelang es dem Hildesheimer Bf. das Amt Peine wieder einzulösen, er musste dabei jedoch auf die Bedingung eingehen, den Lutheranern ihre freie Religionsausübung zu lassen. Woltorf blieb also luth., hatte nun jedoch einen kath. Landesherrn, zudem beanspruchten die Hzg. von Braunschweig-Wolfenbüttel im 16. und 17. Jh. die Jurisdiktion in geistlichen Angelegenheiten im Amt Peine.8 Während des Dreißigjährigen Krieges unternahm der Hildesheimer Bf. Ferdinand von Bayern den Versuch, sein Territorium zu rekatholisieren. Er ließ P. Tilemann Walkling (amt. bis 1628) absetzen und der Mönch Pater Johannes9 übernahm die geistliche Versorgung des Ortes. Der Jesuit Friedrich Spee von Langenberg, den der Bf. mit der Rekatholisierung des Amtes beauftragt hatte und der die Pfarrstellen in Schmedenstedt und Münstedt inne hatte, wurde 1629 auf dem Weg zum GD in Woltorf überfallen und schwer verletzt.10 Die gegenreformatorischen Bemühungen des Bf. endeten 1633, als Truppen des Hzg. Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel die Stadt Peine besetzten und mit P. Johannes Wilke (amt. 1632-1660) bekam Woltorf wieder einen luth. Pfarrer. Aus seiner Amtszeit stammt das älteste Kirchenbuch der Gemeinde (ab 1638). Woltorf war hinsichtlich des Landbesitzes Mitte des 16. Jh. eine der geringer ausgestatteten Pfarren des Amtes Peine.11

Kirche, Blick zum Altar, vielleicht 1973

Kirche, Blick zum Altar, vielleicht 1973

Anfang des 18. Jh. barst die große Glocke und im Jahre 1707 ließ die Gemeinde sie neu gießen; seitdem ruft sie zusammen mit den Glocken von 1326 und 1507 die Woltorfer zum GD. Während des Zweiten Weltkriegs mussten alle drei Glocken zu Kriegszwecken abgegeben werden, wurden jedoch nicht eingeschmolzen und kehrten nach 1945 nach Woltorf zurück.12 1973 hielt der Glockensachverständige der Landeskirche fest: „Eine Verbesserung dieses wertvollen historischen Geläutes ist nicht möglich.“13 Anfang des 19. Jh. ließ die Gemeinde den Turmhelm erneuern (1807/08) und einige Jahre später kam ein Pfarrhausneubau hinzu (1816/17).14 Den Grundstein für den Neubau des Kirchenschiffs legte die KG 1852, zwei Jahre später weihte der Peiner Sup. Philipp Spitta die Kirche ein. Nachdem 1941 der braunschweigische Teil des Dorfes dem preußischen angeschlossen worden war, wechselten zum 1. Oktober 1942 auch jene Mitglieder der KG, die bislang zur Landeskirche in Braunschweig gehörten, zur Landeskirche Hannovers.15 P. Paul Nolte (amt. 1937-1975) stellte zum Zustand der KG 1939 fest: „Kirchenfeindliche Bestrebungen gehen von den Kreisen der Partei aus. Seit längerem.“16 Auch acht Jahre später urteilte der Vertretungspastor aus Dungelbeck: „Der feindliche Ansturm der nat.-soz. Weltanschauung hält aber auch hier, besonders bei der Jugend, in fast unverminderter Stärke an.“17 Anderthalb Jahrzehnte später jedoch konnte der LSup ein positives Fazit ziehen, denn im Gegensatz zu vielen anderen dörflichen Gemeinden sei in Woltorf während der 1950er Jahre kein „erheblicher Rückschritt in den Äußerungen des kirchlichen Lebens“18 zu beobachten gewesen.
Seit 1975 war die Pfarrstelle des Ortes vakant und seit Dezember 1976 forderte die KG beim LKA vehement die Wiederbesetzung der Stelle ein (Austrittsdrohungen, Unterschriftensammlung). 1978 erhielt Woltorf einen neuen Pfarrer, der jedoch auch für die KG Schmedenstedt zuständig war. Diese Verbindung dauerte an und zweimal hintereinander übernahm ein Pastorenehepaar die beiden (halben) Pfarrstellen (1990 und 1996). Seit 1990 unterhält die KG den ev. KiGa „Mein Apfelbäumchen“. Zum 1. Januar 2016 haben sich die KG Schmedenstedt und die KG Woltorf zur Emmaus-KG Woltorf-Schmedenstedt zusammengeschlossen.19

Umfang

Das Dorf Woltorf.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Schmedenstedt der Diözese Hildesheim. – Seit 1561 Insp. Peine, zeitweise ohne Sup. Seit 1651/52 unterstand Woltorf dem Geistlichen Ministerium des Amtes Peine, dem jeweils ein Pastor des Bezirks, der Senior, vorstand20, erst nach Aufhebung des Hochstifts Hildesheim (1803) wurde die Insp. Peine wieder eingerichtet. Seit 1853 saß der Sup. der Insp. Peine wieder in Peine. 1924 KK Peine.

Patronat

1481 der Bf. von Hildesheim, 1730 der Archidiakon von Schmedenstedt21 (bis 1803). Zuletzt der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1938

Kirche, Grundriss, 1938

Neugotische Emporenkirche mit geradem Chorschluss, Backsteinbau, errichtet 1852-54, Architekt Carl Müller, (Braunschweig), Pläne bearbeitet von Friedrich August Ludwig Hellner (Hannover); flaches Satteldach; hohe Spitzbogenfenster an Langhausseiten, in der Ostwand Blendarkade mit Spitzbogenportal und Fensterrose, in der Westwand beiderseits des Turms Eingänge; Fialen betonen die Gebäudeecken. Der Innenraum ist durch hölzerne Kreuzpfeiler dreischiffig gegliedert, Seitenschiffe mit flacher Decke, Hauptschiff mit Spitztonne, umlaufende Empore, Ostwand durch Blendmaßwerkgliederung betont, Raum unter der Ostempore abgeteilt; Orgel auf Westempore. 1953 Neuausmalung Innenraum; 1970 Außen- und Innensanierung (Wände grün); 2003 Außensanierung; 2011 Innensanierung (Wände weiß).

Turm

Gotischer Westturm aus Bruchsteinmauerwerk über quadratischem Grundriss, vermutlich 13. Jh.; ohne Portal, im Glockengeschoss nach Westen, Norden und Osten jeweils gekuppelte Schallöffnungen in Rundbogennischen, nach Süden hohe Spitzbogennische (19. Jh.) mit Ziffernblatt der Turmuhr; Turmhelm mit flachem, quadratischem Ansatz, achteckig ausgezogener Spitze und Auslegestuhl für Uhrschlagglocke nach Süden 1807/08 neu errichtet22, 1949 repariert, ursprünglich verschiefert, jetzt kupfergedeckt. Turmuhr seit etwa 1653, um 1852/54 ersetzt23, seit 1970 elektrische Turmuhr.

Vorgängerbau

Kurzes Kirchenschiff mit eingezogenem Rechteckchor

Ausstattung

Kanzelaltar, Altarwand mit schlichtem, gotisierenden Blendmaßwerk (mittleres Feld bis zur Renovierung 1970 mit Christusbild, dann zeitweise Webteppich mit Mondsichelmadonna24), Kanzel darüber in die Brüstung der Ostempore eingefügt. – Sandsteintaufe mit unvollständiger Inschrift am oberen Rand, datiert 1305 (stand lange Zeit im Pfarrgarten25). – Kollektenkasten mit Inschrift „Hastu viel so gib reichlich / hastu wenig so gib doch dasz wenige / mit trewen hertzen / Anno 1665“.

Kirche, Blick zur Orgel, vielleicht 1973

Kirche, Blick zur Orgel, vielleicht 1973

Orgel

Aus der ersten Hälfte des 19. Jh. sind Kostenvoranschläge für Orgeln erhalten (1817: H. Sander, Wolfenbüttel, 8 I; 1819: Bernard Berger, Peine, 14 I/P), zur Verwirklichung der Pläne ist allerdings nichts bekannt. Die erhaltene Orgel ist ein Neubau von Titus Albert Lindrum (Goslar) aus dem Jahr 1854, 25 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1962-64 Instandsetzung und Umgestaltung durch Schmidt und Thiemann (Langenhagen), 26 II/P, davon ein Reg. (Trompete 8’) vakant.

Geläut

Drei LG, I: fis’ (Bronze, Gj. 1707, Christian Ludwig Meyer); II: h’, Inschrift: „Ao dni M CCC XXVI i die Urbani gloria i exclsis deo“ (Bronze, Gj. 1326); III: dis’’, mit Mondsichelmadonna, Inschrift: „Anno dni M CCCCC VII dar bi ghoedt Harmen Koster my“ (Bronze, Gj 1507, Harmen Koster, Hildesheim). Eine SG, Inschrift: „H. Johan Wilkius – Berward Langehein – Hinrich Gödeken“ (Bronze, Gj. Mitte 17. Jh.). – Früherer Bestand: Eine große LG (Bronze), Anfang 18. Jh. geborsten und Neuguss zu heutiger LG I.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus mit Gemeindesaal (Bj. 1816, zweistöckiger Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach, Umbau- und Sanierung 1978-80).

Friedhof

Nordöstlich des Ortes auf der anderen Seite des Mittellandkanals, im Eigentum der KG, FKap (Neubau 1960, Erweiterung 1992; Vorgängerbau Ende 19. Jh.). Älterer Friedhof rund um die Kirche eingeebnet.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 11923-11929 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 744 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 8875-8880 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2491-2493 (Visitationen); D 97 (EphA Peine); S 11a Nr. 7457 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S. 255-258; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1412; Jürgens u. a., KD Kr. Peine. S. 204-208; Meier, BKD Kr. Braunschweig, S. 322 f; Meyer, Pastoren II, S. 529; Oorschot, Spees Rolle; Pape, Orgeln Kr. Peine, S. 57-59, N 6.
B: Walter Gehrmann: Philipp Spitta weiht den Neubau der Woltorfer Liebfrauen-Kirche, in: Peiner Heimatkalender 17 (1987), S. 121-124; Rudolf Paes: Das zweiherrige Walddorf Woltorf. Geschichtliche Zusammenfassung von Tatsachen und Legenden sowie Grundstücksbeschreibung, 1970; Rudolf Paes: Die Woltorfer Kirche erhielt ein neues Altarbild, in: Der Heimatspiegel (Juli 1982), S. 7; Heinrich Justin Stegmann: Einige Bemerkungen über das zweiherrige Dorf Wolddorf, in: Braunschweigisches Magazin 61 (1848), S. 105-111.


Fußnoten

  1. Schneidmüller, Kollegiatstifte, S. 306.
  2. Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S. 255.
  3. Sudendorf, UB X, Nr. 120, S. 302.
  4. Stegmann, S. 107.
  5. UB HS Hildesheim IV, Nr. 1119.
  6. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 109 f. mit Anm. 167.
  7. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,2,1, S. 769 ff.
  8. Bertram, Hildesheim II, S. 304.
  9. Stegmann, S. 110.
  10. Oorschot, Spees Rolle, S. 29.
  11. Dürr, Politische Kultur, S. 171.
  12. Gehrmann, S. 123.
  13. LkAH, L 5h, unverz., Woltorf, Visitation 1973.
  14. Stegmann, S. 108 und 110.
  15. KABl. 1943, S. 1-3.
  16. LkAH, L 5h, unverz., Woltorf, Visitation 1939.
  17. LkAH, L 5h, unverz., Woltorf, Visitation 1947.
  18. LkAH, L 5h, unverz., Woltorf, Visitation 1962.
  19. KABl. 2016, S. 34 f.
  20. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  21. Evangelischer Kirchenstaat, S. 292.
  22. Stegmann, S. 108.
  23. Gerhmann, S. 123.
  24. Gerhmann, S. 122.
  25. LkAH, L 5h, unverz., Woltorf, Visitation 1962.