Seit 1942 Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig | Patrozinium: Bartholomäus | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Dorstadt erscheint erstmals um 1110 mit dem Personennamen Aeicho de Dorstedi.1 Derselbe erwarb vom Bf. von Hildesheim die bischöfliche Burg in Schladen und begründete dort das Geschlecht der Gf. von Schladen. In Dorstadt verblieben die ihnen stammverwandten edelfreien Herren von Dorstadt, die ihrerseits im 12. Jh. auf ihrem Stammsitz am Nordrand des Dorfes Dorstadt eine der heilige Cäcilia geweiht Kapelle errichten ließen, der Bf. Adelog von Hildesheim 1175 ein ausgedehntes Bestattungsrecht erteilte.2 1189 stiftete Arnold von Dorstadt auf dem ihm gehörigen Herrenhof in Dorstadt das Augustinerinnen-Chorfrauenstift Zum Heiligen Kreuz3 und wandelte die bisherige Cäcilienkapelle in eine Stiftskirche um. Auf der Hildesheimer Frühjahrssynode von 1189 wurde die Stiftung durch Bf. Adelog formal bestätigt. Nach seiner Weihe wurde das Stift mit allem Besitz und dem Patronatsrecht der Hildesheimer Kirche übertragen. 1438 wurde ein Teil der Stiftsgebäude durch einen Brand zerstört und mit Hilfe des Braunschweiger Rates, der zu dieser Zeit die Verwaltungsgeschäfte führte wieder aufgebaut. In der zweiten Hälfte des 15. Jh. wurde das Kloster grundlegend reorganisiert.
Nach der Hildesheimer Stiftsfehde (Quedlinburger Rezess, 1523) fiel Dorstadt an das Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel. Die Reformation wurde 1542 durch die Besatzungstruppen des Schmalkaldischen Bundes eingeführt, doch blieb trotz der Bestellung eines luth. Prädikanten für die Klöster Dorstadt und Heiningen die Mehrzahl der Nonnen dem altgläubigen Ritus verbunden. Nach der Rückkehr Hzg. Heinrichs des Jüngeren 1547 erfolgte die formale Rekatholisierung. Mit dem Regierungsantritt Hzg. Julius (1568) wurde das Kloster erneut protestantisch, mit der Restitution des Großen Stifts an das Fbm. Hildesheim (1629, endgültig 1643; Amt Liebenburg) aber wieder dem Augustinerorden unterstellt und mit Töchtern aus kath. Beamtenfamilien des Hochstifts besetzt. Die Klosterkirche wurde zur kath. Pfarrkirche. Unter westphälischer Herrschaft wurde das Stift am 6. März 1810 aufgehoben. Die Stiftsgebäude, mit Ausnahme von Kirche, Pfarrhaus und Schule, wurden an den Bankier Wilhelm Löbbecke verkauft, dessen Nachkommen noch heute Eigentümer sind. Die letzte Konventualin verstarb 1836.
Neben dem Stift besteht die ältere Pfarrkirche St. Bartholomäus, die zunächst Besitz der Gf. von Schladen war, ehe Gf. Heinrich von Schladen sie 1232 mit seinem Sattelhof in Dorstadt und den zugehörigen Ländereien gegen 40 Pfund braunschweigischen Geldes sowie drei Hufen Landes in Ziesel an das Stift Dorstadt abtrat.4 1236 und erneut 1482 wurde die Pfarrkirche dem Stift inkorporiert.5 Von den vorref. Geistlichen sind bekannt: Nidung und Friedrich (sacerdotes, 1175); Iohannes de Dorstat (plebanus, 1232)6; Wedekindus plebanus in Dorstat (1256 im Streit mit dem Michaeliskloster zu Hildesheim wegen einer Hufe in Landolfshausen7); dominus Sifridus plebanus in Dorstad (1270)8; Johannes dictus de sancto Bartolomeo (1312)9; Her Syfrid pleban/pernere to dorstat (1334)10, Konrad Westval († vor 5. März 1461); Johannes Buschmann (eingesetzt 1461).11
Die Bartholomäuskirche teilte in der Reformationszeit das Schicksal des Stifts, blieb jedoch auch nach 1643 im Besitz der Lutheraner. Die Pfarre hatte keinen Grundbesitz und keine eigenen Einkünfte. Die GemeinDe setzte sich aus 17 ev. Kotsassen auf den Klosterländereien und ihren Familien zusammen. 1568 war Heinrich Reuß Kaplan in Dorstadt. 1571/72 war die Pfarre mit P. Johannes Hagemann aus Ohrum besetzt. Nachdem sich die Parochianen beklagt hatten, dass sie das heilige Abendmahl nicht in ihrer eigenen Pfarrkirche empfangen können, sondern in die (kath.) Klosterkirche gehen müssten, erhielt die KG von 1572 bis 1636 noch einmal einen eigenen Pfarrer.12 1636 bis 1689 war die Pfarre erneut mit Ohrum, 1689 bis 1733 mit Ohlendorf, 1733 bis 1760 mit Burgdorf, 1760 bis 1761 wieder mit Ohrum, 1761 bis 1765 mit Gielde, 1765 bis 1789 mit Klein Flöthe, 1789 bis 1790 mit Kissenbrück bei Wolfenbüttel; seit 1791 wieder mit von Ohrum verbunden (und mit diesem seit 1984 im Pfarrverband mit Halchter).

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Stöckheim der Diözese Hildesheim. – 1569 zur Suptur. (Insp.) Salzliebenhall der Generaldiözese Gandersheim/Insp. Salzgitter. 1826 Insp. (1924: KK) des Okertales mit Sitz in Vienenburg (1. Februar 1937 mit dem KK Goslar zum KK Goslar-Vienenburg vereinigt). 1. Oktober 1942 aus der hannoverschen in die braunschweigische Landeskirche umgegliedert.13 Jetzt Propstei Wolfenbüttel.

Patronat

1232 bis 1810 das Augustiner-Chorfrauenstift Dorstadt. Danach der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Ursprünglich rechteckige, gotische, verputzte Saalkirche aus Bruch- und Werkstein mit nach Osten abgewalmtem Dach. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche bis auf die Außenmauern zerstört. Wiederherstellung Mitte des 17. Jh. (Wiedereinweihung 1662). 1826 erweitert. Je vier rechteckige Sprossenfenster in den Längsseiten; gerader Ostschluss, an der Ostwand ein kleiner viereckiger Sakristeianbau. Das alte Schiff wurde 1964–68 wegen statischer Mängel abgebrochen und durch einen (größeren) Neubau ersetzt.

Turm

Querrechteckiger, romanischer Turm aus Bruchstein. Schiefergedecktes Satteldach. 1951 Sicherung durch Einzug eines Stahlbetonskeletts.

Ausstattung

Renaissance-Altar (1590, wohl erst 1828 oder 1837 nach Dorstadt versetzt; Umbau und Ergänzung 1964–68, 2013 restauriert) mit Abendmahlsgemälde nach Pieter de Witt; darüber Kreuzigung und Himmelfahrt. – Kanzel (2014 restauriert).

Orgel

Eine Orgel befand sich früher über dem Altar und wurde wohl mit diesem im 19. Jh. aus einer anderen Gemeinde übernommen. Keine weiteren Angaben. 1969 Neubau durch Firma Blöß (Goslar-Oker), 6 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Der Verbleib des früheren Instruments ist unbekannt.

Geläut

Zwei Lg, I: (Bronze, Gj. 1964, Wilhelmshütte, Bockenem); II: (Bronze, Gj. 1889, J. J. Radler, Hildesheim). – Früherer Bestand: Eine ältere LG I wurde 1917 zu Rüstungszwecken abgegeben, nach dem Ersten Weltkrieg durch einen Neuguss (vermutlich Gebrüder Radler, Hildesheim) ersetzt und im Zweiten Weltkrieg erneut abgeliefert.

Quelle

Mitteilung von Werner Baum (Ortsheimatpfleger in Dorstadt) vom 19. Juli 2016.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 692 (Spec. Landeskons.).

Literatur

A: Kiecker/Borchers, KD Lkr. Goslar, S. 53–56; Zobel, Heimatbuch Lkr. Goslar, S. 134–141.
B: Ute Römer-Johannsen: Die Augustinerchorfrauen-Stifte Heiningen und Dorstadt, [München 1978].


Fußnoten

  1. Casemir, Ortsnamen Lkr. Wolfenbüttel, S. 127.
  2. UB Dorstadt, Nr. 3.
  3. UB Dorstadt, Nr. 5.
  4. UB HS Hildesheim, Nr. 355; UB Dorstadt, Nr. 24.
  5. UB Dorstadt. Nr. 31, 270 und 274.
  6. UB Dorstadt, Nr. 24.
  7. UB HS Hildesheim II, Nr. 998.
  8. Max, Grubenhagen II, Urkundenbuch Nr. 51.
  9. UB Dorstadt, Nr. 155.
  10. Sudendorf, UB I, Nr. 562–564.
  11. UB Dorstadt, Nr. 256 f.; Schwarz, Papsturkunden, Nr. 1971.
  12. Wolters, Kirchenvisitationen III, S. 167; ebd. IV, S. 111.
  13. KABl. 1943, S. 1–4.