Sprengel Hannover, KK Neustadt-Wunstorf | Patrozinium: Thomas | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Ersterwähnung 889 als curtis portanaha in einer Urkunde des ostfränkischen Kg. Arnolf von Kärnten für das Kloster Corvey.1 Der Ort entstand wohl um eine mittelalterliche Wasserburg. Landesherren waren seit Anfang des 14. Jh. die Welfen (Fsm. Calenberg; Amt Neustadt a. Rbge., 1852-1859 Amt Ricklingen).

Kirche Bordenau, Ansicht von Süden

Kirche Bordenau, Ansicht von Süden, 2020, Foto: Wolfram Kändler, CC BY-SA 3.0 de

Die Gründungsgeschichte der Bordenauer Kapelle, zunächst nach dem jenseits der Leine gelegenen Wunstorf eingepfarrt, ist nicht gänzlich klar. Eine in verschiedenen Abschriften erhaltene Urkunde nennt Arnold von dem Lohe, genannt Campen, als Gründer der Kapelle; er habe sie tho der Ehr der hilligen Moder Goddes errichtet und Dirick Polle zum Vikar bestellt. Die Echtheit der Urkunde ist allerdings zweifelhaft und die Abschriften datieren sie wahlweise auf das Jahr 1200 oder auf das Jahr 1302.2 Laut einer gleichfalls gefälschten oder verunechteten Urkunde überließ Arnold von dem Lohe der Kapelle 1306 eine Hufe zu Bordenau.3 Zweifelsfrei belegt ist die Kapelle erstmals 1376: Die Äbtissin Jutta von Wunstorf bewilligte den Brüdern Gottschalk, Gerhard, Johann und Hermann von Campen die Stiftung eines Marienaltars in Cappella ville prope Castrum Bordenowe und gewährte ihnen das Patronat darüber.4 1382 verkaufte Johannes von Campen der Kapelle wiederkäuflich eine Wiese bei Poggenhagen und 1386 übertrugen die Brüder Gottschalk, Johannes und Gerhard von Campen der Kapelle eine Wiese bei †Adensen.5 Als unser leven Vrowen Kaplane bzw. Vikare sind belegt: Dyderik Veysse (1414), Johannes Hülshau (vor 1438) und Heinrich Nolte (1438).6
Angeblich soll Hzg. Erich I. von Calenberg-Göttingen die Kapelle etwa 1539 zur Pfarrkirche erhoben haben; die entsprechende Nachricht stammt jedoch erst aus dem 17. Jh.7 Der Überlieferung nach sollen die Einwohner nach dem Ertrinken eines Täuflings beim Übersetzen über die Hochwasser führende Leine den Herzog um die Gewährung einer eigenen Taufkirche gebeten haben.8 Zum Pfarrherrn wurde P. Ludolf Krosse (amt. wohl 1539–1571) bestimmt, der bereits seit zwei Jahrzehnten Vikar der Kapelle gewesen war; er gilt zudem als erster ev. Prediger Bordenaus. Ihm folgte 1572 der in Nienburg, Hannover, Braunschweig und an der Universität Rostock ausgebildete P. Konrad Homeier (amt. 1572–1609, vorher Schulmeister in Neustadt a. Rbge.).
Poggenhagen, wo 1967 ein eigenes KGb errichtet worden war (Bonifatiuskirche), wurde mit dem 1. Januar 1968 verselbständigt9, blieb aber bis 1990 mit Bordenau pfarramtlich verbunden. Zur „vertieften gemeinsamen Wahrnehmung von Aufgaben“10 gründete die KG Bordenau zusammen mit der KG Poggenhagen zum 1. Januar 2018 die Gesamtkirchengemeinde Bordenau-Poggenhagen (Bordenau blieb als Ortskirchengemeinde bestehen).11

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1. April 198212, 1. Januar 1990 auf die KG Poggenhagen übergegangen.13

Umfang

Das Dorf Bordenau mit dem Landgut Poggenhagen und dem Frielinger Dammkrug. Poggenhagen schied 1968 aus dem Ksp. aus.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Wunstorf der Diözese Minden. – 1589 zur Insp. (1924: KK) Neustadt a. Rbge., seit 1. Januar 2001 KK Neustadt-Wunstorf.

Patronat

Patronat über den Marienaltar in der Kapelle Bordenau bei der Familie von Campen (1376). Kollation der wohl im 16. Jh. eingerichteten Pfarrstelle anfangs durch den Landesherrn. 1573 erhielten die von Campen auf Poggenhagen, die in der Erhebung zur selbständigen Pfarrkirche ihre älteren Rechte geschmälert sahen, das Patronatsrecht.14 Später die Frhr. Langwerth von Simmern (Familienpatronat, noch bestehend).

Kirchenbau
Kirche Bordenau, Ansicht von Westen

Kirche Bordenau, Ansicht von Westen, 2020, Foto: Wolfram Kändler, CC BY-SA 3.0 de

Die ursprünglich in einer Leineschleife gelegene Kirche wurde auf Veranlassung der Herren von Campen als Kirchenpatrone an die heutige Stelle verlegt. 1717/18 wurde der Bau als rechteckige verputzte barocke Bruchsteinsaalkirche erneuert, wobei Teile des Mauerwerks erhalten blieben. Rundbogige Sprossenfenster. Hölzernes Tonnengewölbe. Orgelprieche, 1862 erweitert. Der Kirchenraum wurde 1952 von Kirchenmaler Ferdy Horrmeyer neu ausgemalt. Umfangreiche Außen- und Innenrenovierung bis 1988/89.

Turm

Verschieferter Dachreiter auf dem westlichen Giebel.

Grablege

Unter dem höher gelegenen Altarraum befindet sich die vermutlich barockzeitliche Gruft der Patronatsherren (von Campen, Langwerth von Simmern; noch heute genutzt). Über dem Portal, das die Gruft von außen erschließt, sind die Wappen der Patronatsfamilien angebracht.

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Helmut Janicki, 1956-58

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Helmut Janicki, 1956-58

Ausstattung

Umgangs-Kanzelaltar an der Westseite des Kirchensaal (um 1810), eingeschossiger Aufbau, umrahmt von Pilastern in korinthischer Ordnung. Das wohl aus der ersten Hälfte des 18. Jh. stammende alte Altarbild (Abendmahl) wurde 1952 unter einem Öldruck wieder aufgefunden und restauriert. – Barocke Taufe aus Stein mit flacher Kuppa (1717, wohl aus einem früheren Kapitell gearbeitet), 1994 in der Werkstatt Icks restauriert und mit einem neuen Schaft versehen. – Epitaphe für Christian Wilhelm von Campen († 1747) und Clamer Wilhelm von Campen († 1739). – Zwei Ölgemälde aus dem frühen 18. Jh. (Kreuzabnahme und Auferstehung). – An der westlichen Eingangstür Relief mit der Darstellung zweier Fischer (nach Mt 4,19) von Bildhauer Siegfried Zimmermann (Hannover-Marienwerder, 1989).

Orgel

Erbaut 1821/22 von Orgelbauer Christian Bethmann (Linden/Hannover) mit klassizistischem Prospekt, 12 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen.15 1881 Erweiterung um ein HintW (Manual II.) durch Firma Becker (Hannover), später mehrfach Veränderung der Disposition. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen. 1954/55 Instandsetzung und Veränderung der Disposition durch Firma Emil Hammer (Hannover), 15 II/P. 1970 und 1994/95 Instandsetzung durch Hermann/Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen), jetzt 17 II/P (HW, OW), mechanische Traktur, Schleifladen. Der Zinnprospekt wurde 1995 erneuert.

Geläut

Drei LG, I: b’ (Bronze, Gj. 1968, Gebrüder Rincker, Sinn); II: c’’ (Bronze, Gj. 1968, Gebrüder Rincker, Sinn); III: es’’ (Bronze, Gj. 1717, Thomas Rideweg, Hannover). – Früherer Bestand: Eine LG wurde im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben. Als Ersatz erhielt die Gemeinde 1921 aus Blankenburg (Harz) eine LG in d’’ der Gebrüder Ulrich (Apolda/Laucha, Gj. 1858, Bronze), die 1968 stillgelegt wurde.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus am Kirchplatz (Bj. 1982). – Gemeindehaus (Bj. 1969).

Friedhof

Am Burgsteller Weg; in kirchlicher Trägerschaft. Die FKap wird von der Stadt Neustadt a. Rbge. unterhalten.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 1303–1322 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 1039–1047 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 9 Nr. 289–292 (Visitationen).

Literatur

A: 400 Jahre KK Neustadt a. Rbge., S. 40–42; Aust/Benne u. a., Kirchen, Klöster, Kapellen, S. 291 f.; Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 82 f., Nr. 58; Holscher, Bisthum Minden, S. 224 f.; Krumm, Denkmaltopographie Region Hannover, S. 349; Meyer, Pastoren Bd. I, S. 113; Nöldeke/Karpa, KD Kr. Neustadt, S. 17–22.
B: Bordenau. Geschichte und Struktur 889–1989, Hildesheim 1989; Werner Besier: Bordenau im 16. Jahrhundert mit einer Rede und zwölf Illustrationen von Stephan Schäfer, Bordenau 2000; Wolfgang W. Ewig: Die von Campen auf Poggenhagen und ihre Denkmäler in der Bordenauer St.-Thomas-Kirche, [Barsinghausen 2011]; Rudolf Karl Theodor Fromme: Urkunden und Nachrichten, Stiftung und Dotirung der Capelle und nachmaligen Pfarrkirche zu Bordenau betreffend, in: ZHVN 1871, S. 118–128 [Digitalisat].

Weitere Bilder

Fußnoten

  1. MGH DD Arn 60. Hier allerdings noch (falsch) als Portenhagen b. Dassel gedeutet. Vgl. dazu Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 61. Siehe auch Bordenau, S. 37 ff.
  2. Fromme, Nr. 1; ausführlich: Bordenau, S. 107 f.: „die niederdeutsche Sprache ist ungewöhnlich; die soziale Stellung Arnolds wird nicht bezeichnet; die Veddern to Luchhusen lassen sich nicht identifizieren; ein Schlotte to der Bordenau ist nicht bekannt; eine urkundliche Kontinuität fehlt“ (ebd., S. 108).
  3. Fromme, Nr. 2; Fesche/Boetticher, Urkunden Neustädter Land II, Nr. 175.
  4. Cal. UB IX, Nr. 174; Fromme, Nr. 3; Fesche/Boetticher, Urkunden Neustädter Land I, Nr. 391; Bordenau, S. 110.
  5. Fromme, Nr. 4 und Fesche/Boetticher, Urkunden Neustädter Land II, Nr. 408; Fromme, Nr. 5 und Fesche/Boetticher, Urkunden Neustädter Land II, Nr. 422.
  6. Fromme, Nr. 8–9; Holscher, Bisthum Minden, S. 225.
  7. Fromme, Nr. 10; Besier, S. 8.
  8. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 390, Anm. 779; Besier, S. 8.
  9. KABl. 1968, S. 2.
  10. KABl. 2015, S. 112.
  11. KABl. 2017, S. 179 ff.
  12. KABl. 1982, S. 70.
  13. KABl. 1990, S. 87.
  14. Besier, S. 13; Kayser, Kirchenvisitationen, S. 390, Anm. 779.
  15. LKA, G 9 B/Bordenau I (Gutachten von Kantor Fritz Meincken, 22.04.1958).