Sprengel Hannover, KK Ronnenberg | Patrozinium: Maria | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Das Kloster Barsinghausen wurde wohl zwischen 1185 und 1193 vom Mindener Bf. Thietmar gegründet, dem das Gut Berchingehusen durch seinen Lehnsmann, den im Marstemgau begüterten Gaugrafen Wedekind IV. von Schwalenberg, aufgetragen worden war. Eine Stiftungsurkunde ist nicht überliefert. Mitgründer war Wedekinds Bruder, Gf. Gottschalk von Pyrmont, der 1199 auf die ihm zustehende Vogtei zugunsten des Bf. verzichtete. 1193 (Ersterwähnung) beurkundet der Hildesheimer Bf. Benno, dass der bischöfliche Dienstmann Heinrich mit dem Beinamen „der Eiserne“ ecclesie sancte dei genitricis marie in berkingehusen sechs Hufen Landes in eidinkehusen und sechs Hufen Landes in nigenstide verkauft habe.1 1203 verlieh Bf. Thietmar dem Kloster das Recht der freien Propstwahl und zur Wahl eines defensor an Stelle des Vogts2, nachdem die Gf. von Schwalenberg zuvor auf die Vogtei verzichtet hatten. Papst Innozenz III. bestätigte ihm 1216 seinen Grundbesitz und den Zehnt aus zwölf Ortschaften.3 Ursprünglich als Doppelkloster (Augustinerchorherren und Augustinerchorfrauen) konzipiert, wurde der Mönchskonvent – sofern er überhaupt bestanden hat – spätestens 1216 aufgegeben. Die Konventualinnen entstammten überwiegend Adelsgeschlechtern aus der Region, seit Mitte des 13. Jh. auch aus dem städtischen Bürgertum. Seine Blütezeit erlebte das Kloster Barsinghausen Anfang des 14. Jh. Mitte des 14. Jh. setzte ein wirtschaftlicher Niedergang ein.

Kirche, Ansicht von Nordosten

Kirche, Ansicht von Nordosten

Der Beginn des Kirchenbaus wird auf die Zeit bald nach der Gründung des Klosters 1185 datiert. Chor und Querhaus wurden nicht vor 1220 vollendet, das Langhaus nach 1230.4 Die Klosterkirche in Barsinghausen gehört damit zu den ältesten dreischiffigen Hallenkirchen in Niedersachsen. Sie diente schon in vorref. Zeit auch als Gemeindekirche. Pfarrechte besaß das Kloster zunächst nur im Ort Barsinghausen selbst. Durch Kauf kam es Anfang des 14. Jh. auch in den Besitz des Patronats über die Kirche in Hohenbostel. 1357 erhielt es das Patronat über die St.-Alexandri-Kirche in Luttringhausen. Später kam es zudem in den Besitz der Kapellen der später wüstgefallenen Dörfer Herdingehusen (1463)5 und Helmeringhusen.
Die Kirche verfügte im ausgehenden Mittelalter wohl über drei Altäre: den 1356 erstmals erwähnten6 Hauptaltar auf dem Hochchor mit einem vergoldeten Retabel mit der Darstellung der Gottesmutter, den Heiligen Drei Königen und weiteren Heiligenfiguren (Patrozinium: vermutlich Maria). Ein zweiter Altar mit Mariendarstellung sowie Geburt und Passion Christi befand sich auf dem Jungfrauenchor. 1463 stifteten drei Geistliche einen weiteren, dem heiligen Paulus geweihten, Altar mit einer Kommende7, deren Kaplan zugleich Beichtvater der Konventualinnen war. Sein Standort ist unbekannt. Nach 1584 wird er nicht mehr erwähnt.
Von den vorref. Geistlichen wird 1250 der Priester Geroldus genannt.8 1492 war wohl Friedrich Pohle Priester am Paulusaltar.

Kirche, Blick in den Chorraum, 1899

Kirche, Blick in den Chorraum, 1899

Am 3. April 1543 visitierte Antonius Corvinus das Kloster. Mit Einführung der Reformation wurde es in ein ev. Damenstift umgewandelt. Als Geistlicher wurde den Nonnen, „weil sie mit predicanten vbel versehen“ der bisherige Pfarrer zu Leveste, Johann Baumhauer (zugleich P. in Hohenbostel und Luttringhausen), überwiesen.9 Unter Erich II. wurde das Kloster 1550 vorübergehend rekatholisiert (kath. Priester Christoph Brandt).10 1556 folgt mit Dietrich Düvell wieder ein luth. Prediger.
Stift und Kirche wurden im Dreißigjährigen Krieg in Mitleidenschaft gezogen. Die Beseitigung der Schäden erfolgte in den Jahren um 1660/70. In dieser Zeit wurde auf dem Friedhof bei der Kirche auch der in seiner Grundsubstanz heute noch erhaltene Glockenturm errichtet. Eine weitere größere Renovierung wurde 1711/18 durch den Oberbaumeister Borchmann durchgeführt, 1862/65 erfolgte eine grundlegende Restaurierung unter der Leitung des Oberlandbaumeisters Vogell. Durch ihn erhielt die Kirche im Wesentlichen ihre heutige Gestalt.
Die P. Kleinschmidt (amt. bis 1937) und sein Nachfolger Enkelstroth waren ab 1938 Mitglied der BK. Im Herbst 1945 wurde die Kirche vorübergehend auch den Katholiken für ihre GD zur Verfügung gestellt.
Infolge der Ausweitung der Wohnbebauung nordöstlich der Bahntrasse wurde der dortige Pfarrbezirk zum 1. Januar 1971 als Petrus-KG verselbständigt. Die bisherige zweite Pfarrstelle ging auf die neue KG über.11 1972 wurde für die Marien-KG ein neues Gemeindehaus errichtet.

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1. Januar 194812 (seit 1895 ständige Pfarrkollaboratur13); 1. Januar 1971 an die Petrus-KG. – III: 1. Juli 196914; ab 1. Januar 1971 II.

Umfang

Die Dörfer Altenhof, Barsinghausen, Nienstedt und Egestorf. Egestorf wurde zum 1. Oktober 1912 ausgepfarrt und zur selbständigen Gemeinde erhoben.15 Zum 1. April 2001 wurde die KapG Nienstedt aus der St.-Marien-KG Barsinghausen in die Christus-KG Egestorf umgegliedert.16

Aufsichtsbezirk

Vermutlich Archidiakonat Wunstorf der Diözese Minden.17 – Seit 1588 zur Insp. (1924: KK) Ronnenberg.

Patronat

Das Kloster Barsinghausen. Die Patronatsrechte werden gemäß § 18 der Calenberger Klosterordnung im Benehmen der jeweiligen Oberin und des Konvents durch die Klosterkammer wahrgenommen.

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1899

Kirche, Grundriss, 1899

In Verwaltung der Klosterkammer. Ursprünglich dreischiffige, gewölbte Hallenkirche mit Querhaus (erste Hälfte 13. Jh.). Das Quadermauerwerk besteht aus Deistersandstein. Zwei 1970/75 archäologisch nachgewiesene Langhausjoche wurden wohl bald nach der Reformation abgebrochen, so dass die Gesamtanlage heute als Zentralbau erscheint. Der Innenraum mit seiner umlaufenden Emporenanlage geht im Wesentlichen auf die Renovierung von 1862/65 zurück. Die damals für die Orgel errichtete obere Westempore wurde 1975 wieder abgebrochen. Hauptapsiskalotte mit romanisierender Ausmalung (Christus als Weltenherrscher, 1911).

Fenster

Fenster in der Hauptapsis mit neuer Verglasung: Christi Kreuzestod, Kelch (Abendmahl) und Taube (Taufe). Im nördlichen Chor Fenster: Hand Gottes mit der Gesetzestafel und Regenbogen als Zeichen des Alten Bundes. Im südlichen Chor Fenster: Christus als Weltenherrschaft (Neuer Bund). Fenster der südlichen Nebenapsis: Daniel in der Löwengrube und Bergmann als Hinweis auf den Barsinghäuser Klosterstollen. In den Apsisfenstern auf der Damenempore die klugen und törichten Jungfrauen. Alle Fenster nach Entwürfen von Prof. Kurt Sohns.

Turm

Freistehender Glockenturm auf dem Kirchplatz im Norden der Kirche (erbaut 1668, 1953 um zwei Stockwerke erhöht. Glockengeschoss in Fachwerk).

Kirche, Blick in den Chorraum, um 1960

Kirche, Blick in den Chorraum, um 1960

Ausstattung

Blockaltar aus der Zeit der Renovierung 1862/65, darauf als Retabel sieben spätmittelalterliche Hochreliefszenen aus dem Leben Jesu in moderner Komposition. Von einem früheren Barockaltar Conrad Heinrich Bartels sind keine Bildschnitzerarbeiten erhalten. Doch befinden sich auf der Damenempore von diesem Altar zwei stark überarbeitete Gemälde des Celler Hofmalers Georg Wilhelm Lafontaine (Kreuzigung und der Gang nach Emmaus, 1717).18 – Achteckige Sandsteintaufe (1588).19 – Unter der Nordempore das frühere Altarbild „Christus als Einladender“ von Carl Oesterley (1865). – An der Chorsüdwand Grabstein des Propstes Bodo (etwa 1203-1213, erster Propst und geistlicher Gründer des Klosters. Die Grabplatte wurde bei der Renovierung von 1862/65 wiederentdeckt. – Mehrere Renaissance- und Barockepitaphe, u. a. für den Amtmann Ewert Jürgen Hilmar Arens († 1596).

Orgel

Ein Organist ist bei der Generalvisitation von 1588 erstmals nachgewiesen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Orgel beschädigt und durch den Orgelbauer Adolph Compenius instandgesetzt. 1659 wird eine Orgel mit 16 Reg. erwähnt. Ein Neubau von Heinrich Klausing aus Herford (1694) wurde 1758 durch Christian Cramm instandgesetzt. 1763 Neubau durch Cramm; 1777 repariert und 1816 an einen anderen Standort versetzt.20 1867 weiterer Neubau durch den Orgelbauer Meyer (Hannover) mit 23 Reg., 1903 durch P. Furtwängler & Hammer überholt. 1919 Neubau durch P. Furtwängler & Hammer (27 II/P, pneumatische Traktur) im Norden des Querschiffs unter Wiederverwendung des vorhandenen Prospekts. 1952 Umbau und Dispositionsveränderung durch Emil Hammer (Hannover). 1975 Abbruch der Furtwängler-Orgel. 1980 Neubau auf der Westempore durch Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen), 22 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Vier LG, I: e’ (Stahl, Gj. 1953, Bochumer Verein); II: g’ (Stahl, Gj. 1953, Bochumer Verein); III: a’ (Bronze, Gj. 1903, Firma Radler, Hildesheim); IV: cis’’’ (Bronze, 14. Jh. oder um 1500, sogenannte Jungfernglocke). I-III im Glockenträger, IV im Dachreiter. – Zwei SG in gis’’ und h’’ (beide Bronze, Gj. 1886; im Kirchturm). – Früherer Bestand: Ersterwähnung einer Glocke 1432 in einer Kirchenrechnung. 1488 trat der Rat der Stadt Hildesheim als Schlichter in einem Streit mit dem Handwerker Hans Wipperforde wegen der Arbeit an einer Glocke auf. Das Inventar von 1584 nennt drei LG im Kirchturm sowie eine SG im Treppen-/Uhrturm an der Westseite der Kirche. Glocken von 1668, 1748 und 1776 wurden in den beiden Weltkriegen eingeschmolzen.21 – Eine weitere, 1597 umgegossene Glocke befand sich auf dem Friedhof.22

Friedhof

Ursprünglich bei der Kirche. 1336 erwähnt.23 Später verlegt. Alter und neuer Friedhof befinden sich im Eigentum der Klosterkammer. FKap auf dem neuen Friedhof.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr.581-583 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 775 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 535-547 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 135-138 (Visitationen).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 192-194; Hamann/Ederberg, Calenberger Klöster, S. 81-104; Hannig, Denkmaltopographie Lkr. Hannover, S. 179 f.; Piper, Glocken und Orgeln, S. 16-30; Stedler, Patronatpfarren.
B: Achim Bonk: Die mittelalterliche und frühzeitliche Ausstattung der Klosterkirche in Barsinghausen, in: JbGNK 101 (2003), S. 7-40; Richard Borgmann: Die Stiftskirche in Barsinghausen, Diss., Münster 1976; Erik Ederberg: Kloster und Kirche Barsinghausen, [München/Zürich 1992]; Herbert Westermann: Zur Datierung des Klostergebäudes in Barsinghausen, in: Hannoversche Geschichtsblätter 31 (1977), S. 59-68.


Fußnoten

  1. UB Barsinghausen, Nr. 1.
  2. UB Barsinghausen, Nr. 5.
  3. UB Barsinghausen, Nr. 14.
  4. Borgmann, Stiftskirche Barsinghausen, S. 98.
  5. UB Barsinghausen Nr. 490.
  6. UB Barsinghausen, Nr. 321.
  7. UB Barsinghausen, Nr. 487-489.
  8. Holscher, Bisthum Minden, S. 216.
  9. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 371-374.
  10. Stedler, Patronatpfarren, S. 64.
  11. KABl. 1971, S. 11.
  12. KABl. 1947, S. 71.
  13. KABl. 1895, S. 105.
  14. KABl. 1969, S. 156.
  15. KABl. 1912, S. 85.
  16. KABl. 2001, S. 41.
  17. Zuordnung bei Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 176, mit Fragezeichen versehen.
  18. Bleibaum, Bildschnitzerfamilien, S. 102.
  19. Mathies, Taufbecken, S. 114.
  20. Hamann/Ederberg, Calenberger Klöster, S. 87.
  21. Hamann/Ederberg, Calenberger Klöster, S. 82.
  22. Bonk, Ausstattung Klosterkirche, S. 18.
  23. Holscher, Bisthum Minden, S. 216.