Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Emsland-Bentheim | Patrozinium: Martin Luther (seit 1987) | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte

Der um 1050 erstmals erwähnte Marktflecken Binithem entwickelte sich seit der ersten Hälfte des 13. Jh. zum Zentrum der gleichnamigen Gft., die 1486 die Reichsunmittelbarkeit erlangte. Die Gemeinde erhielt 1865 Stadtrecht und 1979 den Namen Bad Bentheim.

Kirche, Ansicht von Nordwesten

Kirche, Ansicht von Nordwesten

Als erster Geistlicher am Ort wird 1205 ein gräflicher Kaplan genannt. 1280 erscheint der Burgkaplan Albertus. Die Ortsgemeinde gehörte zur 802 errichteten Pfarrei Schüttdorf, seit Mitte des 13. Jh. zu deren Filial in Gildehaus. 1321 wurde Bentheim von Gildehaus losgelöst und Sitz einer eigenen Parochie. Als erster luth. Prediger in der Region ist wohl 1534 Bernhard Krechting (Pfarrer in Gildehaus) anzusprechen, der sich aber wenig später der Wiedertäuferbewegung zuwandte und nach 1535 in Münster hingerichtet wurde. Ab etwa 1542 griff mit Unterstützung der Gfn. Walburga von Brederode, der Gemahlin Arnolds I., der Schlosskaplan Johann van Loen die luth. Lehre auf. Gf. Arnold I. führte das luth. Bekenntnis in der Gft. 1544 auch offiziell ein. Die Umsetzung erfolgte maßvoll; zahlreiche Gebräuche des alten Ritus blieben zunächst im Gebrauch. Die Pfarrstelle in Bentheim wurde dem bisherigen Inhaber der Vikarie, Victor ter Haer († 1594), übertragen und zugleich die Vikarie mit der Pfarrstelle vereinigt. Die Investitur durch den münsterischen Archidiakon entfiel. Ter Haer erhielt eine Instruktion im eindeutig ev.-luth. Sinne, doch wurde er in der Zeit des Interims wohl durch den Pfarrer Johann Westenberch ersetzt und erst 1554 nach der allgemeinen Wiederherstellung des luth. Bekenntnisses durch Gf. Everwin III. endgültig bestätigt.1 Gf. Arnold II. (1562–1606) berief 1576 den ref. Hofprediger Johann Kemener und wandte sich schrittweise von der luth. Lehre ab. Nach dem Tod seiner Mutter (1582) forcierte er die Einführung einer ref. KO (bis 1588 abgeschlossen). Unter dem seit 1590 amtierenden ref. P. Johann Pickhart wurden 1592 in der Bentheimer Pfarrkirche Altäre und Kirchenschmuck entfernt. Gf. Ernst Wilhelm trat 1668 unter dem Druck des Bf. von Münster zum Katholizismus über und ließ auch wieder kath. GD im Land zu. Im Haager Vergleich von 1701 wurden die alten Rechte des ref. Oberkirchenrats wiederhergestellt.
Zu einem nennenswerten Zuzug von Lutheranern kam es erst wieder mit der Verpfändung der Gft. an Kurhannover (1753) und dem endgültigen Übergang an das Kgr. Hannover 1815. Die ev.-luth. Gemeinde bestand v. a. aus Soldaten sowie Beamten und Angestellten der Zoll- und Finanz-, später auch der Eisenbahnverwaltung. Für sie fanden zunächst regelmäßige GD im Haus des Landdrosten statt, später auch zwei- bis dreimal jährlich in der ref. Kirche von Bentheim. Im Übrigen wurden die luth. Christen bis Anfang des 20. Jh. durch die Kreuz-KG in Lingen betreut, ehe das stetige Wachstum der luth. Gemeinde (1907: rund 500–600 Lutheraner) schließlich das Bedürfnis nach kirchlicher Selbständigkeit weckte. Ein Kapellenausschuss sollte die nötigen Finanzmittel beschaffen. 1911/12 wurde unter der Leitung des Landesbauinspektors Scheele an der Schüttorfer Straße eine Kirche errichtet und am 25. August 1912 eingeweiht. Es war die erste luth. Kirche in der Gft. Bentheim. Die pfarramtliche Versorgung wurde zunächst einem Hilfsgeistlichen aus Lingen übertragen. 1914 wurde der Sitz nach Bentheim verlegt. 1923 erfolgte die Einrichtung einer Hilfsgeistlichenstelle. Mit dem 1. Oktober 1924 wurde für die luth. Einwohner der Obergrafschaft eine KG in Bentheim und für die Einwohner der Niedergrafschaft eine KG in Nordhorn errichtet.2 Beide blieben zunächst mit der KG Lingen pfarramtlich verbunden. 1926 wurde die bisherige Hilfsgeistlichenstelle in eine reguläre Pfarrstelle umgewandelt und die Verbindung mit Lingen gelöst. Pfarrsitz war zunächst Bentheim. 1928 wurde er in das schneller wachsende Nordhorn verlegt. Bentheim blieb Sitz eines Hilfsgeistlichen.
Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus Pommern, Schlesien und Ostpreußen sorgten nach dem Zweiten Weltkrieg in Bentheim und Gildehaus für ein rasches Anwachsen der Gemeindegliederzahl von 1.200 (1945) auf rund 4.500 (1953). Bereits zum 1. Januar 1950 wurde daher für die Obergrafschaft wieder eine feste Pfarrstelle errichtet.3
Zum 75jährigen Jubiläum erhielt die Kirche 1975 den Namen „Martin-Luther-Kirche“. Für den Ortsteil Gildehaus wurde 1978 mit dem „Martin-Luther-Haus“ ein eigenes Gemeindezentrum errichtet. Seit den 1950er Jahren pflegt die KG Bad Bentheim eine Partnerschaft mit der KG Wolkenstein (Sachsen) und in den 1990er Jahren kam eine Partnerschaft mit der luth. KG in Krementschuk (Ukraine) hinzu.4

Umfang

Ursprünglich die gesamte Obergrafschaft Bentheim. Die luth. Einwohner von Schüttorf, Samern, Ohne, Drievorden und Wengsel schieden mit der Gründung einer eigenen KG für Schüttorf am 1. Januar 1959 aus der KG Bentheim aus.5 Heute die politischen Gemeinden Bad Bentheim und Gildehaus einschließlich der Bauerschaften Holt und Haar, Achterberg, Westenberg, Bardel, Siringhoek, Waldseite und Hagelshoek.

Aufsichtsbezirk

Wurde bei Verselbständigung der Suptur. der Nieder-Gft. Lingen und des Hzm. Arenberg (mit Sitz in Meppen) unterstellt und mit dem 1. März 1925 dem Aufsichtsbezirk Meppen zugeteilt6 (später KK Emsland-Bentheim).

Kirchenbau – Martin-Luther-Kirche

Nord-süd-gerichtete, einschiffige Hallenkirche aus verputztem Bentheimer Sandstein. Betonung der Gebäudekanten durch unverputzte Ecklisenen. Krüppelwalmdach, Holzdecke im Innern.

Fenster

Altarfenster „Licht der Auferstehung am Ostermorgen“ von Egon Stratmann, Hattingen (2011).

Turm

Achtseitiger verschieferter Dachreiter an der Nordseite. 1954 renoviert.

Ausstattung

Schlichter, hölzerner Tischaltar. Darüber ein hängendes Mosaikkreuz mit dem Lamm Gottes von Renate Strasser (1970). – Achtseitiger Taufstein aus Bentheimer Sandstein (1912).

Orgel

Auf der Westempore. Prospekt von 1913. Das Werk wurde wohl 1940 von Ludwig Rohlfing (Osnabrück) aus einer anderen Kirche nach Bentheim übertragen; 4 I/P, mechanische Traktur, Kegelladen.7 1956/57 Neubau durch Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven), 6 I/P, mechanische Traktur, Schleiflade. 1985 renoviert. 2016 beschloss der KV den Ankauf einer frühromantischen William-Holt-Orgel (Bj. 1851, aus Skelmanthorpe). Einbau und Restaurierung durch Fokke Rinke Feenstra (Grootegast, NL).

Geläut

Zwei LG: I: h’ (Bronze, Gj. 1922, J. J. Radler, Hildesheim); II: d’’ (Bronze, Gj. 2006, Gebrüder Rincker, Sinn). – Früherer Bestand: Eine LG wurde 1917 zu Rüstungszwecken abgegeben, in den 1920er Jahren ersetzt und im Zweiten Weltkrieg erneut abgegeben.

Kirchenbau – Martin-Luther-Haus in Gildehaus

Schlichter Saalbau, 1978 erbaut und 2000 um einen Glockenturm ergänzt. Altarwand mit Mosaikbildern über die Werke der Barmherzigkeit von der Künstlerin Eva Limberg, Bielefeld.

Fenster

An der Südwand Buntglasfenster „Ausgießung des Heiligen Geistes“ des Gildehauser Künstlers Friedrich Hartmann).

Orgel

Truhenorgel der Firma Klop (Garderen, NL), 1995 für die Gemeinde erbaut, 4½ klingende Stimmen.

Geläut

Eine LG in c’’ (Bronze, Gj. 2000, Petit & Gebrüder Edelbrock, Gescher).

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (nach 1945). – Gemeindehaus an der Schüttorfer Straße (Bj. 1965).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 642 (Spec. Landeskons.).

Literatur

A: Goeters, Reformation Bentheim, passim; Weichsler, Hdb. Sprengel Osnabrück, S. 76 f.
B: Hartmut Giesecke von Bergh (Hg.): 100 Jahre Martin-Luther-Kirche Bad Bentheim. 1912–2012, Meppen 2013; Karl Griese: Geschichte der Bentheimer Kirchengemeinden und Religionsgemeinschaften seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts, in: Bad Bentheim – Aspekte einer Stadtgeschichte, [Bad Bentheim 1996], S. 107–123; Hans-Jürgen Schmidt: Die Kirchengemeinden in Bad Bentheim von den Anfängen bis zum Beginn des 18. Jh., in: Bad Bentheim – Aspekte einer Stadtgeschichte, [Bad Bentheim 1996], S. 90–106.


Fußnoten

  1. Goeters, Reformation Bentheim, S. 95.
  2. KABl. 1924, S. 74 f.
  3. KABl. 1950, S. 13.
  4. Giesecke van Bergh, S. 135 ff. und 147 ff.
  5. KABl. 1959, S. 7.
  6. KABl. 1925, S. 18.
  7. LKA, G 9 B/Bad Bentheim, Bl. 1–3.