Sprengel Hannover, Stadtkirchenverband Hannover, Amtsbereich Nord-West | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Alt-Garbsen bildet den historischen Ortskern der heutigen Stadt Garbsen. Es wird 1160 als Gebernessen erstmals urkundlich erwähnt und bewahrte bis Ende des 19. Jh. einen überwiegend ländlichen Charakter. Die Nähe zu Hannover und der Bau des Mittellandkanals (eigene Anlegestelle ab 1918) beförderten seither die Industrialisierung (Ziegelindustrie) und den Ausbau zur stadtnahen Wohn- und Pendlergemeinde, auch für die expandierende Industrie im nahegelegenen Stadtteil Hannover-Stöcken. Dem wachsenden Bedarf an Wohnraum wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Bau der Siedlung Auf der Horst (1954) Rechnung getragen. Seit 1968 hat Garbsen Stadtrechte. Durch Eingemeindungen im Zuge der Gebietsreform von 1974 wurde das Stadtgebiet erheblich vergrößert. Heute nimmt Garbsen die Funktion eines Mittelzentrums für das westliche Umland von Hannover ein.

Kirche, Ansicht von Südosten

Kirche, Ansicht von Südosten

Alt-Garbsen besaß im Mittelalter eine Kapelle/Kirche, deren Patronatsrecht dem Kloster Marienwerder zustand. Am 4. Dezember 1245 schenkte der Bf. Johann von Minden dem Kloster Marienwerder das Obereigentum der Güter zu Garbsen, welche Propst Diederich zu Marienwerder von dem bischöflichen Vasallen, dem Ritter Arnold von Nienburg erworben hatte. Unter dem 14. Februar 1250 wurde die Kirche durch Bf. Johann von Minden dem Kloster inkorporiert. Der Klosterpropst war gleichzeitig Inhaber der Pfarrstelle in Garbsen. 1353 wird ein obedientiarius zu Gerboldessen genannt.
Mit der Einführung der Reformation im Kloster Marienwerder (1542) wurde auch Garbsen luth.1 Der Pfarrsitz wurde 1617 von Marienwerder nach Stöcken verlegt, wo allerdings erst 1927 ein eigenes Gemeindezentrum entstand. In Garbsen fanden Mitte des 19. Jh. jährlich zwölf Abendmahls-GD statt. An den übrigen Sonntagen hielten der Küster und der Lehrer zu Havelse Betstunden ab. 1954 wurde die KG Garbsen-Marienwerder-Stöcken aufgelöst. Stöcken (Hannover, Corvinus) und Garbsen (mit Marienwerder) erhielten eigene Pfarrstellen. Mit der weiteren Besiedlung des hannoverschen Stadtteils Marienwerder wurde hier eine neue Gemeinde mit eigener Pfarrstelle gegründet. Seither umfasst die Kirchgemeinde Alt-Garbsen nur noch den historischen Ortskern von Garbsen.
Zur Erfüllung von Aufgaben von übergemeindlicher Bedeutung wurde zum 1. Januar 2001 der Kirchengemeindeverband (KiGemV) der Region Garbsen gegründet.2 Seit 2002 besteht in Alt-Garbsen eine Stiftung zur Förderung der Gemeindearbeit.

Umfang

Alt-Garbsen. Mit dem 1. Januar 1987 wurde das nördlich der Meyenfelder Straße und westlich der Berenbosteler Straße gelegene Gemeindegebiet in die Stephanus-KG Berenbostel umgegliedert.3

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Wunstorf der Diözese Minden. – Nach der Reformation (1593) zur Insp. Wunstorf, 1797 zur neu errichteten Insp. Seelze, 1868 zur Insp. Limmer. Bei der Neugliederung der Aufsichtsbezirke der Stadt Hannover wurde Garbsen mit dem 15. Oktober 1909 der Insp. (1924: KK) Hannover-Nordwest zugeteilt. 1. Januar 1975 KK Garbsen. 1. Januar 2001 Stadtkirchenverband Hannover (Amtsbereich Garbsen/Seelze, seit 1. Januar 2013 Amtsbereich Nord-West).4

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1958

Kirche, Grundriss, 1958

Ursprünglich romanischer Saalbau aus roh behauenen Bruchsteinen mit im Osten abgewalmtem Dach. Teile von Kirche und Kirchhof wurden 1385 bei der Belagerung des Schlosses Ricklingen durch Hzg. Albrecht von Sachsen zerstört (Mandelsloher Fehde). Möglicherweise wurde der Bau im Zuge der Wiederherstellung um einen gotischen Chor erweitert. Das Geläut befand sich in einem freistehenden Glockenstuhl. 1589 wurde an die Kirche ein Leichenhaus angebaut. 1730 wird die Kirche als baufällig bezeichnet. Ein aus Eigenmittel und einer Kollekte in den Fsm. Calenberg und Göttingen finanzierter Neubau wurde aber erst 1844/45 durch Friedrich August Ludwig Hellner an der Stelle des zuvor abgebrochenen Vorgängerbaus errichtet (Einweihung am 21. September 1845). Klassizistischer, annähernd quadratischer, dreiachsiger Bau aus gefugtem Ziegelmauerwerk mit breiten Ecklisenen. Sockel aus Sandstein. Walmdach. Hohe, rundbogige Sprossenfenster. Der von einer flachen, geputzten Schaldecke geschlossene Innenraum hat eine vierseitig umlaufende Empore auf dorischen Säulen.

Turm

Das Schiff wird über dem westlichen Giebel von einem einfachen dachreiterartigen Turm aus Ziegelmauerwerk im Stil des holländischen Neobarock überragt (1905/07). Geschwungene Haube mit offener achtseitiger Laterne.

Ausstattung

Hölzerner Kanzelaltar mit schlichter Mensa und seitlichen Altarschranken aus der Erbauungszeit (1844/45). Die Kanzel ist in die Emporenanlage integriert.

Orgel, 1979

Orgel, 1979

Orgel

Erbaut 1664 durch den Orgelbauer M. Friedrich Behme (Braunschweig), ursprünglich als Rückpositiv für die Marktkirche in Hannover, 1687 in die Klosterkirche Marienwerder umgesetzt. 1705 wurde sie an die KG Alt-Garbsen verschenkt, 1715 mit einem neuen Gehäuse versehen und 1843/44 in den Neubau der Kirche übernommen. 1938 Renovierung durch Gebrüder Dutkowski (Braunschweig). 1965/66 Umbau durch Firma Hermann Hillebrand (Altwarmbüchen), 7 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Denkmalorgel.5 2001 Restaurierung und Ergänzung nach dem historischen Bestand durch Gebrüder Hillebrand. Ältere Umbauten wurden revidiert.

Geläut

Zwei LG, I: h’ (Bronze, Gj. 1909, Gebrüder Radler, Hildesheim); II: dis’’ (Bronze, Gj. 1703, Thomas Rideweg, Hannover). – Zwei SG, I: g’’; II: b’’ (beide Bronze, Gj. 1907, J. F. Weule, Bockenem; aus dem Material einer älteren Bronzeglocke gegossen). – Auf dem Friedhof eine weitere Glocke in g’’ (Bronze, Gj. zwischen 1431 und 1455, Hans Meiger).

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus „Am Pottberg“ (1973 eingeweiht, 2013 verkauft). – Neues Gemeindehaus in der Calenberger Straße (2012/13, Architekt: Rene Koblank, Bochum).

Friedhof

Früher bei der Kirche. 1895 Neuanlage an der Alten Ricklinger Straße. In Trägerschaft der KG. Die FKap (Bj. 1950/51) wurde 2000 umfassend saniert und durch die Innenarchitektin Susanne Scholz als sogenannte „Blaue Kapelle“ neu gestaltet. Neuer Glockenturm (2013) neben der Kapelle.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 7634-7636 (Pfarroffizialsachen); B 18 Nr. 170 (Orgelsachverständiger).

Literatur

A: Aust/Benne u. a., Kirchen, Klöster, Kapellen, S. 253 f.; Holscher, Bisthum Minden, S. 210; Krumm, Denkmaltopographie Region Hannover, S. 195; Müller, Kirchenbauten, S. 120; Nöldeke/Karpa, KD Kr. Neustadt, S. 40-42.
B: Mechthild und Ulfrid Müller: Die Kirchen in Garbsen. Teil 1: Die alten Kirchen Altgarbsen, Horst, Osterwald, Schloß Ricklingen (= Schriftenreihe zur Stadtgeschichte 5), Garbsen 1994.


Fußnoten

  1. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 379-381.
  2. KABl. 2001, S. 3.
  3. KABl. 1987, S. 2.
  4. KABl. 1999, S. 173 f.; KABl. 2000, S. 259 f.; KABl. 2013, S. 30.
  5. KABl. 1952, S. 160; LkAH, B 1 A, Nr. 4587 (Verzeichnis der Denkmalsorgeln der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Stand 01.10.1958).