Frühere Gemeinde | Anstaltsgemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Göttingen | Patrozinium: Lukas (seit 1965) | KO: Calenberger KO von 1569
Orts- und Kirchengeschichte
Von 1863 bis 1866 ließ das Kgr. Hannover südöstlich außerhalb der Stadt die „Königliche Landesirrenanstalt Göttingen“ errichten (später Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt bzw. Landes-Heil- und Pflegeanstalt Göttingen). Die Bauplanung lag bei Oberbaurat Adolf Funk (1819–1889) und bei Bauinspektor Julius Rasch (1830–1887).1 Gründe für den Bau waren u. a. die Überfüllung der Heil- und Pflegeanstalt in Hildesheim und das Ergebnis der „Irrenzählung“ von 1857 (rund 3.100 unversorgte Geisteskranke im Kgr. Hannover). Die im April 1866 eröffnete Anstalt war für 200 Patient*innen konzipiert; erster Direktor war Ludwig Meyer (amt. 1865–1900), gleichzeitig Professor für Psychiatrie an der Universität Göttingen. Direktor Gottfried Ewald (amt. 1934–1954) lehnte es während der NS-Zeit ab, Gutachter im „Euthanasie“-Programm zu werden; mehr als 200 Patient*innen der Göttinger Heil- und Pflegeanstalt wurden ermordet.2 Seit 1952 trug die Einrichtung den Namen „Niedersächsisches Landeskrankenhaus“; 2007 wurde sie an die Asklepios-Kliniken-Gruppe verkauft.
Im Mai 1867 richtete das Konsistorium eine eigene ev.-luth. Parochie für die Landesirrenanstalt zu Göttingen ein. Im Regulativ heißt es: „Dieselbe ist ordentliche lutherische Localparochie für den Bezirk, über welchen sich die Landes-Irrenanstalt jeweilig erstreckt“.3 Ihr gehörten auch alle „ausserhalb wohnenden luth. Offcianten (einschliesslich des Geistlichen) der Anstalt für die Zeit ihrer Anstellung […] nebst deren lutherischen Familienmitgliedern und Dienstboten“ an. Die Anstaltsgemeinde erhielt eine Pfarrstelle, die P. August Friedrich Wilhelm Bodenstab (amt. 1868–1875) übernahm. Sein Nachfolger, P. Johann Christian Wilhelm Brügmann (amt. 1878–1910), versah die Pfarrstelle nebenamtlich. Zum Gottesdienst versammelte sich die Gemeinde in der anstaltseigenen, neugotischen Kirche (staatliches Eigentum), die als Teil der Gesamtanlage 1863 bis 1866 errichtet worden war. Ein staatliches Patronatsrecht wurde nicht etabliert.4 In der Anstaltskirche fanden auch kath. Gottesdienste statt.
Mit P. Adolf Groscurth (amt 1911–1933/34) erhielt die Anstaltsgemeinde wieder einen hauptamtlichen Pfarrer. Danach versahen mehrere Ruheständler die Pfarre. Regulär wurde sie erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs wiederbesetzt, als das Landeskirchenamt den Ostgeistliche Sup. a. D. Otto Schmidt (amt. 1947–1964) berief; er hatte die Stelle seit 1945 versehen. Die Gemeinde zählte 1950 etwa 1.500 Gemeindeglieder (Patient*innen und Bedienstete); sie umfasste auch das Niedersächsische Landesjugendheim (ursprünglich Jugendabteilung der Heil- und Pflegeanstalt). In den 1950er Jahren übernahm der Stadtjugendpastor die pfarramtliche Versorgung des Landesjugendheims.
In einer Stellungnahme des KV aus dem Jahr 1962 heißt es, die KG des Landeskrankenhauses sei „heute bei weitem keine organische Einheit mehr. Wer gegenwärtig zu ihr gehört, ist nur listenmäßig zu ersehen“. Während der letzten Jahre habe sich als „eigentliche Kerngemeinde“ ein Kreis aus „ehemaligen Patienten und deren Familien in Stadt und Land gebildet, der auch weiterhin von seinem Seelsorger pastoriert werden möchte“.5 1965 erhielt die Anstaltskirche auf Beschluss des KV den Namen „St. Lukaskirche“; die Umschrift des Siegels hingegen lautet „Ev.-luth. Lukaskirchengemeinde Göttingen“.6
Die Lukasgemeinde setzte sich 1970 formal zusammen aus etwa 800 Patient*innen, die auf geschlossenen und offenen Stationen lebten, sowie 200 Bediensteten, die im sogenannten Pflegerdorf wohnten. Die Bediensteten, die ihre Wohnung außerhalb der Anstalt hatten, hielten sich in der Regel zu ihrer Wohngemeinde.7 Zum 1. Oktober 1972 löste sich die Lukasgemeinde auf und schloss sich der Göttinger Thomasgemeinde an.8
Aufsichtsbezirk
Mit Gründung der Gemeinde 1867 zur Stadtsuperintendentur der Stadt Göttingen.9 Seit 1924 Insp. bzw. KK Göttingen I, 1937 umbenannt in KK Göttingen-Stadt.10
Kirchenbau
Neugotischer Kapellensaal im Obergeschoss eines zweigeschossigen Querbaus, errichtet 1863–65 in der Mittelachse gegenüber dem dreiflügeligen Hauptgebäude der ehemaligen Landesirrenanstalt. Zusammen mit zwei seitlichen Laubengängen schloss der Bau den Innenhof nach Nordosten hin ab, Kapelle ausgerichtet nach Südosten. Mitteltrakt mit Kapellen- und Festsaal tritt nach Südosten über die Fassade des Querbaus hinaus, vor der Südostwand fünfseitiger Chor. Satteldach über dem Mitteltrakt, fünf Satteldächer über dem Chor. Gelbliches Backsteinmauerwerk, gestufte Strebepfeiler. Im Kapellengeschoss zweibahnige Maßwerkfenster am Chor, ein vierbahniges Maßwerkfenster nach Nordwesten, je zwei Segmentbogenfenster nach Südwesten und Nordosten. Im Innern zeltförmige, verzierte Holzdecke auf Eisenstützen im Schiff, Kreuzrippengewölbe im Chor, spitzer Triumphbogen zwischen Chor und Schiff. Architekturelemente farblich betont, Wandmalerei am Triumphbogen. 1963 Renovierung.
Fenster
Ornamentale Farbverglasung.
Turm
Über dem Nordwestgiebel vierseitiger, geschlossener Dachreiter mit schlanker, vierseitiger Pyramidenspitze, bekrönt mit Kugel und Kreuz.
Ausstattung
Neugotischer Altar mit hohem Holzkruzifix (Entwurf: Julius Rasch, Hannover; Bildhauer: Friedrich Küsthardt, Hildesheim), Frontseite ornamental verziert. – Erhöhte Kanzel mit polygonalem Kanzelkorb (Entwurf: Julius Rasch, Hannover), Wandungen ornamental verziert.
Orgel
1866 Neubau eines Positivs mit 5 Registern, Firma Rohlfing (Osnabrück). 1912 Neubau einer Multiplex-Orgel, Faber & Greve (Salzhemmendorf), pneumatische Traktur, Membranladen, Instrument aufgestellt links und rechts des Westfensters; 1933 Reparatur, Paul Ott (Göttingen) instandgesetzt. 1957 Neubau durch Paul Ott (Göttingen); Zustand 1944: 18 (davon 13 Transmissionen) II/P, pneumatische Traktur, Membranladen. Ab 1946 Orgel wiederholt nicht spielbar. 1957 Orgelneubau, ausgeführt von Paul Ott (Göttingen), 6 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen, außerdem 5 Vakantplätze, Instrument über Eck aufgestellt rechts des Westfensters. 1964 erweitert auf 11 II/P. 1994 Instandsetzung, Dispositionsänderung und Erweiterung, Martin Haspelmath (Walsrode), 12 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen.
Geläut
Eine LG, d’’ (Bronze, Gj. 1947, Firma Schilling, Apolda), keine Inschrift, umgegossen aus einer älteren Glocke vom Glockenfriedhof Hamburg, 1948 im Dachreiter der Krankenhauskapelle aufgehängt und am 2. Mai geweiht.11
Liste der Pastoren (bis 1940)
1868–1875 August Friedrich Wilhelm Bodenstab. – 1878–1910 Johann Christian Wilhelm Brügmann (nebenamtlich). – 1911–1933 Adolf Groscurth (Weiterversehung als P. i. R. bis 1934). – 1935–1937 P. i. R. Karl Brandt. – 1937–19.. P. i. R. Immo Janssen de Boer. – 19..–1944 P. i. R. Heller. – 1944–1945 Heinrich Runte (nebenamtlich).
Angaben nach: Meyer, Pastoren I, S. 325–326 (mit Ergänzungen)
Kirchenbücher
Taufen: ab 1866
Trauungen: ab 1866
Begräbnisse: ab 1866
Kommunikanten: ab 1907 (Lücken: April 1937–1945)
Konfirmationen: ab 1907 (Lücken: 1937–1945)
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
B 2 G 3 Nr. 315 (Visitationen); B 2 G 9 Nr. 1018 (Baupflege und Bauwesen); B 2 G 9 B Nr. 233 (Orgel- und Glockenwesen).
Literatur & Links
A: Bielefeld, Orgeln, S. 116–120; Rüttgerodt-Riechmann, Denkmaltopographie Göttingen, S. 70–72.
B: Niedersächsisches Landeskrankenhaus Göttingen. hrsg. vom Niedersächsischen Sozialminister, [Hannover] 1982.
Internet: Denkmalatlas Niedersachsen: Landesirrenanstalt, Landesirrenanstalt (Gesamtanlage) .
Fußnoten
- Siehe Denkmalatlas Niedersachsen; zur Geschichte der Anstalt vgl. knapp Landeskrankenhaus, S. 5 ff.
- Klee, Euthanasie, S. 192 ff.; Klee, Personenlexikon, S. 141. Einschränkend hatte Ewald in einem Brief angemerkt: „Daß ich nach eventuellem Erlaß des Gesetzes mich als Glied des autoritären Staates fügen würde, ist eine Selbstverständlichkeit, die ich nicht besonders zu betonen brauche“, zit. bei Klee, Euthanasie, S. 193.
- LkAH, B 2 G 1, unverz., Göttingen, St. Lukas, Bl. 12 (Abschrift des Regulativs, § 1).
- LkAH, A 5, Nr. 271.
- LkAH, B 2 G 1, unverz., Göttingen, St. Lukas, Bl. 42 f.
- LkAH, B 2 G 1, unverz., Göttingen, St. Lukas, Bl. 64 a ff.; LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Lukas, Visitation 1970.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Lukas, Visitation 1970.
- KABl. 1972, S. 121.
- LkAH, B 2 G 1, unverz., Göttingen, St. Lukas, Bl. 16 (Abschrift des Regulativs, § 13).
- KABl. 1924, S. 86; KABl. 1937, S. 135.
- LkAH, B 2 G 9 B, Nr. 233, Bl. 11 f. und Bl. 94; Hardege, Glockenneuerwerbungen, S. 46.