Seit 1982 Ev. Kirche der Kirchenprovinz Sachsen (2009: Ev. Kirche in Mitteldeutschland) | Patrozinium: Nikolaus | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Der an der Thyra im südöstlichen Harzvorland gelegene Ort Bösenrode (seit 1972 Ortsteil der Gemeinde Berga) wird 1274 erstmals urkundlich erwähnt. Zu den mittelalterlichen Grundherren gehörten u. a. die von Heringen und die von Wechsungen, die ihren Besitz 1308 bzw. 1321 an das Kloster Walkenried veräußerten.1 Anfang des 14. Jh. kam Bösenrode unter die Herrschaft der Gf. von Hohnstein, um 1413 durch Kauf an die Gf. von Stolberg, die Burg und Amt Hohnstein 1568 als Pfand dem sächsischen Kurfürsten übertrugen. August der Starke schließlich trat 1715 in einem Vergleich die lange zwischen Hannover und Kursachen strittigen Dörfer Urbach, Limbach und Bösenrode an Braunschweig-Lüneburg ab (Amt Hohnstein, ab 1885 Kreis Ilfeld). 1932 wurde der Kreis Ilfeld von der Provinz Hannover in die Provinz Sachsen (Landkreis Gft. Hohenstein) umgegliedert.
Die Kirche erscheint zuerst um 1300 in einem Bericht des Ordensbruders Johannes Caput aus Ilfeld über den Tausch der Kirche zu Bösenrode gegen die Kirche zu Bellingen durch den Gf. Sifridus von Reinstein.2 Als letzter (?) vorref. Geistlicher wird 1519 auf einer Glockeninschrift Johann Knittel genannt.3 1543 wurde die Reformation in Bösenrode eingeführt. Der erste belegte luth. Geistlicher war Nikolaus Voigt, dessen Name 1578 auf einer Glockeninschrift erscheint.
Die Gemeinde hatte 1817 noch 82 Häuser mit rund 400 Einwohnern. Wegen der geringen Zahl wurde die Pfarrstelle nach dem Ruhestand des Konsistorialrats Probst (amt. 1884-1928) nicht wieder besetzt. Die Pfarre wurde vorübergehend von Rosperswenda, dann von Urbach aus versorgt.

Umfang

Das Dorf Bösenrode.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Jechaburg (Sedes Berga inferior) der Erzdiözese Mainz. – Seit 1639/1733 unterstand Bösenrode einem gräflich-stolbergischen Inspektor, ab 1728 auch einem hannoverschen Sup. für die Gft. Hohnstein. 1875 wurden beide Funktionen in der Insp. für die Gft. Hohnstein (Sitz in Neustadt/Harz, ab 1903 in Ilfeld) vereinigt. 1924 bis zum Ausscheiden aus der hannoverschen Landeskirche KK Grafschaft Hohnstein/Ilfeld. Nachdem Bösenrode 1945 unter sowjetische Besatzung gefallen war, ermächtigte das LKA das Konsistorium in Ilfeld durch Verfügung vom 27. August 1945 selbständig alle Kirchenverwaltungsgeschäfte vorzunehmen, die zur Aufrechterhaltung der laufenden Verwaltung notwendig sind. Infolge der Bildung des „Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR“ ging die Verwaltung über den Konsistorialbezirk Ilfeld mit den ihm angehörenden und angegliederten in der DDR gelegenen Gemeinden nach vorhergehenden Verhandlungen mit der Kirchenleitung in Dresden mit dem 1. April 1969 gemeinsam mit dem östlichen Teil der braunschweigischen Propstei Blankenburg auf die sächsische Landeskirche über. Er behielt seine Selbständigkeit im bisherigen Umfang. Alle überkommenen innerkirchlichen Zuständigkeiten und Aufgaben wurden weiterhin durch das Konsistorium in Ilfeld wahrgenommen. Mit dem 1. Januar 1974 wurde der Konsistorialbezirk Ilfeld ganz an die ev. Landeskirche Sachsens angeschlossen.4 Die im Konsistorialbezirk Ilfeld eingeführten Agenden und das Gesangbuch blieben bis auf weiteres in Gebrauch. Mit Wirkung vom 1. Januar 1982 wurde der Bezirk in die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen eingegliedert.

Patronat

Der Besitzer des Guts Bösenrode: Gf. Botho VII. zu Stolberg gab 1454 das Gut mit Gerichtsbarkeit und Patronatsrecht den Herren von Rüxleben zu Lehen. Gf. Heinrich veräußerte es 1471 an seine Vasallen Caspar und Heinrich von Rüxleben. Seither hatten die von Rüxleben das Präsentationsrecht für die Pfarr- und Schullehrerstelle in Bösenrode.5 1850 verkaufte die Familie das Gut an die Gemeinde Bösenrode, die das Patronatsrecht erstmals 1853 bei der Neubesetzung der vakanten Pfarrstelle ausübte. Erloschen.

Kirchenbau

Die heutige Kirche steht auf dem Kirchberg am westlichen Ortsrand. Möglicherweise befand sich an anderer Stelle bereits eine ältere Kapelle. Das mittelalterliche Kirchenschiff wurde 1700 auf Veranlassung des Patronatsherrn Hans Caspar von Rüxleben in barocken Formen erneuert, wobei ein bisher abgeteilter Chorraum in das Schiff mit einbezogen wurde. Rechteckiger Saalbau aus verputztem rotem Sandstein mit Eckquaderung. Rundbogige Sprossenfenster. U-förmige Emporenanlage, im Westen zweigeschossig (Orgelempore). Hölzernes Tonnengewölbe mit bedeutender barocker Deckenmalerei des Malers Johann Christian Beckmann (die vier Evangelisten; im Chor das Auge Gottes, flankiert von der allegorischen Darstellung des alten und neuen Bundes; über der Orgelempore das Jüngste Gericht; 1715, 2011/12 restauriert).

Turm

Ostturm, im Kern noch aus gotischer Zeit (vermutlich erste Hälfte des 14. Jh.), die heutige Glockenstube aus Fachwerk ist spätgotisch (wohl um 1500) und wurde eventuell früher als Türmerwohnung oder Wachstube genutzt. Schiefergedecktes Walmdach mit Walmgaube an für die Uhr an der Ostseite.

Grablege

Die Kirche war Erbbegräbnis der Familie von Rüxleben, die Gruft noch 1925 im Eigentum der Familie. Beigesetzt wurden dort u. a. Hans Caspar von Rüxleben († 1701), der Erbauer der Kirche; Hans Melchior von Rüxleben († 1728), Gerichtsherr zu Auleben; Hans Caspar von Rüxleben († 1733), Erb- und Gerichtsherr von Bösenrode auf Auleben; Hans Caspar von Rüxleben († 1767), Hauptmann, Gerichtsherr und Patron von Bösenrode; Hans Carl von Rüxleben († 1778), Erblehn- und Gerichtsherr auf Auleben, Badra, Rüxleben und Bösenrode, der letzte der Linie. Die letzte Beisetzung war um 1815.

Ausstattung

Der frühbarocke Kanzelaltar wurde nach Leopold 1655/56 erbaut6, nach anderen Angaben aber erst 1715 aufgestellt. Seitliche Durchgänge führen in die Sakristei. Der Schalldeckel wird von dem aufgesetzten Allianzwappen der von Rüxleben und von Witzleben bekrönt. – Gedenktafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Gemeindeglieder, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg abgenommen und befand sich 1999 auf dem Boden des Pfarrhauses.

Orgel

1660 kaufte die Gemeinde für 25 Taler von einem Orgelbauer aus Nordhausen ein neues vierstimmiges Positiv.7 1703 Neubau auf der zweiten Westempore durch Johann Georg Papenius (Stolberg/Harz), I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1885/86 Umbau und Instandsetzung durch den einheimischen Orgelbauer Eduard Telemann. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen (1934 ersetzt). 1935 Reparatur und Einbau eines elektrischen Gebläses durch Wilhelm Rühlmann (Zörbig/Halle). Bei der Revision von 1937 waren noch 14 klingende Stimmen vorhanden.8 1954/59 Restaurierung durch Gerhard Kirchner (Weimar), 16 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1968 Abbau durch Wilhelm Sohnle (Halberstadt) und Einlagerung im Gemeindehaus bzw. auf dem Kirchenboden. 2013 wurde eine Spendenaktion für die Restaurierung gestartet. Denkmalorgel.9

Geläut

Eine LG (Bronze, vermutlich Gj. 1800, Gebrüder Ulrich, Laucha/Apolda). – Früherer Bestand: Die ältesten bekannten Glocken in Bösenrode stammten von 1519 (große LG) und 1578. Erstere wurde 1715 durch Johann Heinrich Brauhof (Nordhausen) umgegossen.10 1800 wurde das Geläut um eine dritte Glocke (Gebrüder Ulrich, Laucha-Apolda) ergänzt. Wohl 1838 wurde die mittlere, 1894 die große Glocke um- oder neu gegossen. Beide wurden 1917 zu Rüstungszwecken abgeliefert. Die kleine Glocke wurde von der Beschlagnahme zurückgestellt. Im Januar 1934 erfolgte Beschaffung eines neuen Geläuts aus Apolda. Die größere Glocke wird als Lutherglocke bezeichnet, die kleinere als Hitlerglocke. Für den Ankauf Glocken gewährte die KG Bösenrode der politischen Gemeinde ein zinsloses Darlehen. Die Lutherglocke und Hitlerglocke wurden im Februar 1942 abgenommen, zum Einschmelzen nach Ilsenburg verbracht und bislang nicht ersetzt.

Friedhof

Westlich der Ortslage. Eigentum der KG. FKap (Feierhalle).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 5796-5803 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 1021-1027 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 276 und 2822-2823 (Visitationen).

Quelle

Mitteilung P. Thomas Ahlhelm vom 24. Januar 2016.

Literatur

A: Leopold, Kirchen-, Pfarr- und Schul-Chronik, S. 89-92; Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 13; Pape/Schirge, Papenius, S. 48-50.
B: Carl Probst: Zwei Merkwürdigkeiten der Kirche von Bösenrode, in: Kyffhäuser-Jahrbuch 1925, S. 91-94; Steffi Rohland und Heinz Noack: Ein Heimatbuch. Aus der Geschichte von Berga, Bösenrode und Rosperswenda, [Berga 1999].


Fußnoten

  1. UB Walkenried II, Nr. 839, 972.
  2. Köhler, Ilfelder Regesten, Nr. 1.
  3. Leopold, Kirchen-, Pfarr- und Schul-Chronik, S. 90.
  4. KABl. 1973, S. 267.
  5. Leopold, Kirchen-, Pfarr- und Schul-Chronik, S. 50.
  6. Unter P. Johannes Heft; vgl. Leopold, Kirchen-, Pfarr- und Schul-Chronik, S. 90.
  7. Bericht über die Orgelrevision in der Kirche zu Bösenrode, 15.08.1937, LkAH, L 5c, unverz.; Leopold, Kirchen-, Pfarr- und Schul-Chronik, S. 90.
  8. LkAH, L 5c, unverz., Bösenrode, Visitation 1937.
  9. KABl. 1952, S. 160; LkAH, B 1 A, Nr. 4587 (Verzeichnis der Denkmalsorgeln der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Stand 01.10.1958).
  10. Leopold, Kirchen-, Pfarr- und Schul-Chronik, S. 91.